Von den Anfängen bis heute – Kiezgeschichte im Zeitraffer

Geografisch überschneidet sich der Klausenerkiez an der Nehringstraße mit der Altstadt Charlottenburg. So bekommt der Klausenerkiez etwas mehr von den 300 Jahren Geschichte ab, die sich an der Schlossstraße und im Schloss Charlottenburg abgespielt haben. Der größte Teil des Kiezareals hingegen blieb noch etwas länger unbebaut. Im Zeitraffer sieht die Geschichte des Klausenerkiezes folgendermaßen aus.

Das Schloss Charlottenburg wurde in ländlicher Umgebung des Dorfes Lietze erbaut. Entsprechend befanden sich um das Schloss herum noch die Ausläufer der Teltower Heide. Dieses Waldgebiet wurde neben der Pechgewinnung und Imkerei vor allem von den umliegenden Bauern als Waldweide genutzt.

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Das Dorf Lietze mit angrenzender Teltower Heide – Auszug aus dem La Vigne-Plan von 1685 – Exponat der Ausstellung „Westen!“ – Stadtgeschichte Charlottenburg-Wilmersdorf in der Villa Oppenheim

Die großflächige Abholzung, welche einen großflächigen Siedlungsbau erst ermöglichte, erfolgte recht spontan und von unerwarteter Seite.

Als Napoleon nach seinem Sieg bei der Schlacht von Jena und Auerstedt 1806 ins Schloss Charlottenburg einzog und bis 1808 in Berlin blieb, brauchte auch seine Armee einen Platz zum Campieren. Das Areal westlich des Schlosses auf dem Gebiet des heutigen Westends überzeugte dabei nicht nur durch die Nähe zum Schloss. Die Versorgung mit Wasser wurde durch den Lietzensee, dem letzten Ausläufer der Grunewaldseenplatte, gesichert. Zudem eignete sich der Standort durch den Waldbestand der Teltower Heide als ideale Quelle für Bau- und Brennholz. Zudem fällt das Gelände etwas ab, wodurch es sich besser verteidigen ließ. Eine natürliche Senke (wo heute die Ringbahn verläuft) stellte eine weitere praktische Verteidigungsmaßnahme dar. Innerhalb von fünf Wochen entstanden zwischen der heutigen Wundt- und Fürstenbrunner Straße  380 Wohnbaracken für je 20 Mann sowie 64 größeren Baracken für Küchen- und Speiseräume und zwei Reihen besser eingerichteter Baracken als Unterkunft für Unteroffiziere. Insgesamt waren rund 7000 Soldaten im le camp Napoleón Bourg – der Napoleonsburg stationiert.

Bild: Skizze der Napoleonsburg von 1808, Abbildung des Heimatmuseum Charlottenburg-Wilmersdorf – Quelle: Ohmanns Westened-Blog

Überlebt hat von dem großen Waldbestand nur noch der Grunewald. Doch das Gelände rund um das Schloss erholte sich nicht mehr von der weiträumigen Abholzung. Einziger Vorteil: Einer Bebauung stand nichts mehr im Wege.

HobrechtplanDas brachliegende Gelände des heutigen Klausenerplatzes wurde um 1840 vom Garde du Corps-Regiment als Reitplatz genutzt. Er ist nicht nur Namensgeber des Kiezes sondern auch die Keimzelle der Nutzung des gesamten Kiezgeländes. Im Hobrechtplan von 1862 wurde bereits die Umgestaltung des Reitplatzes zum Schmuckplatz und die Schaffung von weiterem Wohnraum im umliegenden „Schlossviertel“ berücksichtigt. Eine geschlossene Straßenrandbebauung  fand sich zunächst nur in der Christ- und der Seelingstraße (frühere Potsdamer Straße). Die Nähe zum Schloss machten die dort errichteten Häuser zu beliebten Immobilien.

Ende des 19. Jahrhunderts erfuhr Berlin einen Zuwanderungs-Boom Davon profitierte auch Charlottenburg, welches durch seine verkehrsgünstige Lage zum beliebten Wohnort avancierte. Dank dem Bahnhof Charlottenburg- Westend hatte man Zugang zur Berliner Ringbahn. Zusätzlich war man über den Bahnhof Charlottenburg an die Stadtbahn angeschlossen. Mit zügiger Anbindung zum Arbeitsplatz in Berlin bot sich Charlottenburg als Wohnort abseits des Berliner Trubels an.

Die steigende Nachfrage nach Wohnraum brachte ein reges Bauen mit sich – so auch ab 1890 im Klausenerkiez. Nun stellten auch die weiter weg vom Schloß gelegenen Parzellen durch die Nähe zum Bahnhof  attraktivem Baugrund dar.

Zu Zeiten Zilles (um 1880) waren bereits bis hin zur Sophie-Charlotten-Straße Häuser errichtet worden. Nur jenseits des Schlossviertels befand sich weiterhin eine sandige Ödnis, die sich während der wilhelminischen Urbanisierung zum beliebten Wohnort „Westend“ entwickeln sollte.

Bild: Knobelsdorff-Brücke Berlin-Charlottenburg, Blick auf die Sophie-Charlotten-Straße – Foto: Heinrich Zille 1898 – Wikimedia Commons (Quelle)

In nur 20 Jahren veränderte sich das Kiez-Aussehen schlagartig. Nun entstand die gründerzeitliche Bebauung mit fünfgeschossigen Mietshäusern, Seitenflügeln und Quergebäuden sowie ein oder zwei Hinterhöfen in welchem sich vor allem Arbeiter und kleine Gewerbetreibende ansiedelten. Der „Kleine Wedding“ war nicht nur dank des zentralen Standortes mit günstigem Wohnraum sehr attraktiv, sondern dank dem Schloss noch immer eine Adresse mit einem Hauch von Eleganz.

Haus in der Knobelsdorffstraße in Höhe der Wundtstraße

erbaut 1892,  wie dieses Haus in der Knobelsdorffstraße Höhe Wundtstraße sind viele Gebäude zur gleichen Zeit entstanden

Durch den spekulativen Mietskasernenbau entwickelte sich der Klausenerkiez  zum dichtbesiedelstes Wohngebiet Charlottenburgs. Rund 30.000 Einwohner fasste das proletarische Quartier. Gleichzeitig sicherte die um 1913 entstehende Siemensstadt über Jahrzehnte eine nicht endende Nachfrage nach Arbeitern, die im Klausenerkiez Unterkunft fanden.  Besonders hoch war die Anhängerschaft für die Ideen des Sozialismus und des Kommunismus.  Der Kiez galt bei der Weimarer Polizei als politisches Problemviertel und wurde in den 20er und 30er Jahren auch unter der Bezeichnung „Roter Kiez“ bekannt.  In der von der Schloßstraße abgehenden Wallstraße (heutige Zillestraße in der Charlottenburger Altstadt)  reklamierte die KPD ihre politische Dominanz. Entsprechend kam es  in den 30er und 40er Jahren zu Auseinandersetzungen und politischem Widerstand. In seinem „politischen Stadtplan von Alt-Charlottenburg“ stellt das Kiezbündnis Klausenerplatz e. V. allein innerhalb des Kiezes 19 Stationen vor.

Im Gegensatz zum Schloss und anderen Berliner Vierteln überstand der Klausenerkiez die Bombardierungen im 2. Weltkrieg recht unbeschadet. Viele der um 1900 gebauten Häuser standen noch.

Doch mit dem Wiederaufbau kamen die Städteplaner. Diese erklärten das gesamte Areal 1963 zum Sanierungsgebiet. Der in den 70er Jahren entwickelte Bebauungsplan sah dabei nicht nur die Schließung von Baulücken vor. Das Zauberwort der damaligen Städteplanung lautete „Entkernung“.  Durch den großflächigen Abriss, der nur die Vorderhäuser stehen lassen sollte, würden zwar die dunklen Hinterhöfe verschwinden, jedoch gleichzeitig ein großer Teil des Wohnraumes zerstört werden. Ergebnis einer Sanierung der Altbauten mit gleichzeitiger Abschaffung von Wohnraum wären steigende Mietpreise. Ganz im Sinne der Zeit entwickelte sich Protest gegen die Kahlschlagsanierung. Unter dem Motto „Sanierung ohne Verdrängung“  wurde 1973 die erste Berliner Mieterinitiative  gegründet – und zwar im Klausenerkiez.

Das Engagement hat rund um den Klausener Platz eine lange Geschichte: 1973 wurde hier die erste Mieterinitiative Berlins gegründet. (taz)

Ein Werkzeug der Sanierungsgegner war die sogenannte „Instandbesetzung„. Parallel zu den Häuserkämpfen in Kreuzberg  wurden auch im Klausenerkiez unter dem Slogan »Lieber instandbesetzen als kaputtbesitzen«,bis in die 80er Jahre Wohnungen besetzt, auf den Straßen protestiert, Abrissbestrebungen durch Blockaden verhindert und bereits abgerissene Innenhöfe durch eigene Gestaltung zurückerobert.

Bild: Neufertstraße 13/ Nehringstraße 34 – Kiezladen Quelle: Berlin Besetzt (Urheber: Manfred Kraft / Umbruch-Bildarchiv)

Trotz des als bürgerlich geltenden Bezirks mag neben der vorhandenen Mietskasernenstruktur gerade die Nähe zur TU dazu beigetragen haben, dass sich gerade im Klausenerkiez Gegner der Sanierungspläne formierten. Nur durch derartiges Engagement kam es zur Entwicklung von Alternativvorschlägen, wie dem Modellprojekt „Behutsame Stadterneuerung“ des Architekten und Stadtplaners Hardt-Waltherr Hämer.  In Kooperation mit Bewohnern und Mieterinitiativen  entwickelte Hämer ein Sanierungs- und Beteiligungsverfahren, welches direkt im Klausenerkiez durchgeführt wurde. So wurden im „Block 118“ insgesamt 450 Wohneinheiten saniert und dabei einem großen Teil der Mieter bei erträglichen Mieten der Verbleib im Gebiet bzw. die Rückkehr in die zuvor genutzte Wohnung zugesichert. Noch heute wird dieser Sanierungsblock daher „Hämer-Block“ genannt.

Inzwischen präsentiert sich der Klausenerkiez multikulturell, weltoffen und mit Wohnungen von gehobenem Eigentum bis klassischem Sozialbau.

Viele Familien, nette Cafés, kleine Galerien und Kinderläden – rund um den Klausenerplatz erinnert vieles an den beliebten Szene-Kiez in Prenzlauer Berg. (Eve-Catherine Trieba)

Da ein Großteil des Klausenerkiezes inzwischen zur verkehrsberuhigten Zone deklariert und umgestaltet wurde, ist der Kiez besonders attraktiv für Familien.

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Frisch aufgestellt: solarbetriebene Geschwindigkeitsmesser in der Knobelsdorffstraße

Ein breites Angebot an fußläufig erreichbaren Parks, Spielplätzen, Kindergärten und Schulen tragen ebenfalls dazu bei, dass der Klausenerkiez auch in Zukunft viel erleben wird.

Bücherkiste:

Wieland Giebel (2006): Die Franzosen in Berlin 1806-1808.

Jan Petersen (2013): Unsere Straße 1933.

Material aus dem KiezBüro:

Der Kiez am Klausenerplatz in historischen Karten, Plänen und Abbildungen, hg. v. Kiezbündnis Klausenerplatz e.V. (2012²).

Geschichtsstationen Klausenerplatz – Historische Entwicklung eines Charlottenburger Kiezes. Hg. v. Kiezbündnis Klausener Platz (2014²), insbesondere Station 6: die Bebauung des Kiezes, S. 16-17.

Politischer Stadtplan von Alt-Charlottenburg. Der „kleine Wedding“ und die Altstadt Charlottenburg in der Weimarer Republik und der NS-Zeit. Hg. v. Kiezbündnis Klausenerplatz e.V. (2013).

Kiez-Geschichten Heft 4 (2012): „Alles in Allem eine Erfolgsgeschichte“. Die Kiezsanierung in persönlichen Erinnerungen. hg. v. Kiezbündnis Klausenerplatz e.V.

Webschmankerl:

Im Alt-Berliner Stadtplan-Archiv kann man sich Karten von 1738 bis 1989 ansehen. So kann man kinderleicht einen Teilausschnitt im Zeitraffer betrachten, da die Website in der Lage ist einen Planwechsel ohne Positionsverlust durchzuführen.

Berlin für Blinde hat die Geschichte des Klausenerplatz-Kiez kurz und bündig zusammengefasst und stellt ihre Version auch als Audiodatei zur Verfügung.

Bei Nemesis -Sozialistisches Archiv für Belletristik Nemesis findet sich eine Druckversion zu Jan Petersens „Unsere Straße„.

Von Berlin Besetzt gibt es eine illustrierte Karte zu Hausbesetzungen in Berlin, wo man sich Informationen, Bilder, Flugblätter und Hefte je nach Verfügbarkeit anzeigen lassen kann.

Zeitleiste

Zeitleiste – wichtige Daten in der Geschichte des Klausenerkiezes (eine Auswahl)

 

 

 

 

 

 

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