Geschichte vor Ort: Der Denkzeichenweg am Murellenberg

Auf meinem Streifzug durch den Witzlebenkiez fand ich die oben gezeigte #kiezimpression. Etwas in Mitleidenschaft geraten, hängt die Info-Tafel eher unscheinbar an einem Verkehrsspiegel zwischen Witzlebenstraße und Witzlebenplatz. Die Nähe zum Reichskriegsgerichtsgebäudes ist dabei aber sehr bewusst gewählt worden. Denn auf der Info-Tafel wird auf einen Denkzeichenweg für die Ermordeten der NS-Militärjustiz hingewiesen, welche unter anderem in der Witzlebenstr. 4-11 ihr Urteil erhielten. Das weckte mein Interesse und ließ mich mit meiner Kamera ins Ferne Westend „reisen“.

Standortplan_Murellenberg_Denkzeichen

 

Erinnerung am Murellenberg – Warum dort?

Am Murellenberg existierten militärische Anlagen mit Kasernen und Schießständen seit der Zeit um 1840.  Damals wurde die Umgebung der Fließwiese Ruhleben für die Anlage von Schießständen als günstig eingeschätzt. Mit der Königlichen Militär-Schießschule Spandau wurde das Gelände um den Murellenberg 1855 der militärischen Nutzung unterstellt. Im selben Jahr wurde eine Gewehrprüfungskommission etabliert, aus der 1860 eine Militärschießschule und 1883 eine Infanterieschießschule hervorging.

Ab 1939 hieß die Kaserne an der Charlottenburger Chaussee Alexander-Kaserne. Unter den Nationalsozialisten wurde das Gelände um den Murellenberg als „Erschießungsplatz V der Deutschen Wehrmacht im Standort Berlin“ deklariert und als Hinrichtungsstätte der NS-Militärjustiz genutzt.  In der sogenannten Murellenschlucht, am Hang des Murellenberges  wurden zwischen dem 12. August 1944 und dem 14. April 1945 Deserteure, Wehrdienstverweigerer und Befehlsverweigerer unterschiedlicher Dienstgrade, mehrheitlich nach Urteilen des Reichskriegsgerichtes, standrechtlich erschossen.

Schutzgebiet Murellenberg

Erst 1998 wurden die rechststaatswidrigen Entscheidungen der “NS-Terrorjustiz” vom Deutschen Bundestag per Gesetz aufgehoben. Die genaue Zahl der am Murellenberg Erschossenen ist ungeklärt. Bisher konnten 230 der Opfer der NS-Militärjustiz namentlich ermittelt werden.

Nach Abzug der Alliierten aus Berlin wurde das Gelände rund um den Murellenberg 1993 wegen seiner Artenvielfalt in Flora und Fauna zum Naturschutzgebiet erklärt. Seit 1994 bemühte sich eine Initiative der evangelischen Kreissynode und einzelner Bürger um die Errichtung einer Erinnerungsstätte in dem inzwischen zum Naturschutzgebiet erklärten Schanzenwald. Aber ein Großteil des damaligen Geländes steht seit Abzug der britischen Truppen der Polizei als Übungsgelände und Munitionslager zur Verfügung und ist deshalb noch heute für die Öffentlichkeit unzugänglich. Mehrheitlich wird die eigentliche Hinrichtungsstätte auf dem geschlossenen Gelände verortet, doch ist die  Lage nicht mehr genau nachvollziehbar.

Um dennoch einen Ort der Erinnerung zu schaffen wurde der Murellenberg als Flächenmahnmal deklariert, welcher seit 2001 durch den Denkzeichenweg zur Erinnerung der Ermordeten der NS-Militärjustiz am Murellenberg ergänzt wird.

Der Denkzeichenweg in Bildern

(in voller Größe per Click)

Die Kunst hinter den Denkzeichen

Im November 2000 wurden neun Künstlerinnen und Künstler zu einem beschränkten Wettbewerb eingeladen, den Patricia Pisani mit ihrem Entwurf im März 2001 einstimmig für sich entscheiden konnte. Ihr Entwurf sah vor, 100 Verkehrsspiegel entlang des Waldweges von der Glockenturmstraße am Olympiastation bis zum authentischen Ort der Erschießung am Murellenberg aufzustellen.

„[…]Verkehrsspiegel sollen einer Gefahr vorbeugen, in dem sie etwas sichtbar machen, was außerhalb des Blickfeldes liegt. Ihre Funktion: zeigen, markieren, bezeichnen, warnen, beschützen.[…]“ (Patricia Pisani)

Finanziert wurde der Denkzeichenweg zur Erinnerung an die Ermordeten der NS-Militärjustiz am Murellenberg aus Mitteln der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung für „Kunst im Stadtraum“.

„Die Installation dieser im Straßenverkehr bekannten Objekte weckt in der ungewohnten Umgebung des Waldes Aufmerksamkeit und Neugier. Auf einer sinnbildlichen Ebene verweisen sie auf eine Gefahr und warnen: Hier Vorsicht! […]“ (Senatsverwaltung für Stadtentwicklung)

Wie viele Spiegel letztendlich aufgestellt wurden, darüber gehen die Zahlen auseinander. Laut Künstlerin sind es insgesamt 104 Spiegel, von denen 16 laserbeschriftet wurden.

persönlicher Eindruck

Der Denkzeichenweg am Murellenberg ist ein Ort der Erinnerung. Da ich nur durch die Tafel am Witzlebenhaus darauf hingewiesen wurde, wusste ich nicht, was mich erwartet. Umso überraschender wirkten die Denkzeichen auf mich. Patricia Pisani ist mit ihrem Kunstprojekt ein Ort der Erinnerung gelungen, der selbsterklärend ist. In der Nähe des umzäunten Polizeigeländes rufen einem die schiere Ballung von Verkehrszeichen unweigerlich die Opferzahlen ins Gedächtnis. Dabei spiegeln sie sich gegenseitig ineinander wieder und werden optisch immer mehr. Ein visuell-emotionales Erlebnis, dass einen sehr leicht auch den ungenannten anderen Opfern der NS-Diktatur gedenken lässt.

Während meiner Anwesenheit auf dem Denkzeichenweg begegnete mir nur eine weitere Person, die gezielt auf die Verkehrszeichen zuging und die Gravuren las. Ansonsten begegnete ich nur vereinzelt ein paar Joggern. Eigentlich schade, denn der Denkmalweg am Murellenweg eignet sich meiner Meinung nach im Rahmen der Gedenkstättenpädagogik auch für schulische Zwecke als Begegnungsort mit dem Nationalsozialismus. Denn die gewählte Form der Erinnerung an die Opfer der NS-Militärjustiz regt sowohl zum Nachdenken als auch zum Dialog an.

Webschmankerl

Die Denkzeichen am Murellenberg von der Künstlerin Patricia Pisani vorgestellt. Hier findet sich auch ihr anderes Projekt im Berliner Raum: das Denkzeichen für die Opfer der nationalsozialistischen Zwangssterilationen und „Euthanasie“-Morde in Berlin-Buch.

Mahnmal im Wald: ein Denkzeichen neben der Waldbühne

Website mit Hintergrundinformationen zu den Denkzeichen am Murellenberg

Gedenkstättenportal zu Orten der Erinnerung in Europa

Alle 16 eingravierten Texte finden sich  im Klartext unter Denkzeichen zur Erinnerung an die Ermordeten der NS-Militärjustiz am Murellenberg

Für alle Liebhaber von Flash findet sich darüber hinaus eine animierte Karte der Murellenschlucht von Thomas Eilenberg, auf welcher man den Gedenkweg von Patricia Pisani online nachgehen kann.

Bücherkiste

Puvogel, Ulrike / Stankowski, Martin (2000): Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation. Band 2 (zum Murellenberg etwas veraltet s. S. 44-45).

Erll, Astrid (2011²): Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen.

Welzer, Harald (2010): Erinnerungskultur und Zukunftsgedächtnis.

Bundeszentrale für politische Bildung (2002): Erinnern und Verschweigen.  Themenblätter im Unterricht (Nr. 14).

 

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