Lebensweisheiten am Rathaus Charlottenburg

Viele Steinmetzarbeiten zieren den eindrucksvollen Bau des Rathauses Charlottenburg. Immer wieder kann man ein neues Detail an dem von 1899 bis 1905 errichteten und bereits 1910 erweiterten Repräsentativbau entdecken. In diesem Artikel geht es dabei um ein sprachliches Element an der weniger beachtete Rückseite des Rathauses. Die Fenster in der nach Alt-Lietzow liegenden Fassade werden jeweils von einer gebräuchlichen Redewendung umspannt.

Lebensweisheit #1:rast‘ ich rost‘ ich

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rast‘ ich, rost‘ ich

Diese Volksweisheit bezieht sich nicht nur auf die Instandhaltung von Gerätschaften, sondern auch auf körperliche und geistige Ertüchtigung um gesund und funktionsfähig zu bleiben. Heutzutage wird dieses Zitat auch häufig in Bezug auf den technischen Fortschritt verwendet.

Lebensweisheit #2: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

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Reden ist Silber ,schweigen Gold

Ein Sprichwort, das so alt ist, dass sein Ursprung nicht mehr eindeutig geklärt werden kann. Sowohl im Koran, in der Bibel als auch im Talmut finden sich Allegorien, welche als Quellen dienen könnten.

„Und wandle gemessenen Schritts und dämpfe deine Stimme; denn wahrlich, die widerwärtigste der Stimmen ist die Stimme der Esel“ steht im Koran (31:19). In der Bibel findet sich in den Salomonischen Sprüchen (10,20) „Des Gerechten Zunge ist köstliches Silber; aber der Gottlosen Herz ist wie nichts.“ Und im Babylonischen Talmud (Megilla 18a) heißt es: „Wenn ein Wort einen Sela kostet, so ist Schweigen deren zwei wert.“

Im modernen Sprachgebrauch hat man sich von der metallurgischen Allegorie abgewandt. Heute heißt es dann eher: „Wenn du keine Ahnung hast, einfach mal Klappe halten!“

Lebensweisheit #3: eh‘ veracht als gemacht

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eh‘ veracht als gemacht

Das es leichter ist die Leistung eines anderen zu kritisieren, als selbst etwas zu erschaffen sollte eine Lebensweisheit sein, die man sich immer wieder vor Auge führen sollte bevor man den Mund aufmacht. Diese Redewendung weist darauf hin die Leistung anderer zu respektieren. Bei Meinungsäußerungen gegenüber der erbrachten Leistung anderer  sollte man sich selbst die Zeit und Mühe machen seine Kritik zumindest konstruktiv zu formulieren.

Lebensweisheit #4: Das Leben ein Kampf

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das Leben ein Kampf

Mag auf den ersten Blick eine pragmatische oder gar kritische Sichtweise auf das Leben darstellen. Auch das Karl May diesen Satz zu seinem Wahlspruch machte, ist keine Berechtigung für diese Lebensweisheit am Charlottenburger Rathaus. Wahrscheinlich liegt der Ursprung eher im Kampf um Leben, Freiheit und Gerechtigkeit, wie sie in der Magna Carta erstmals als Menschenrecht formuliert wurden. Die Wahrung seiner Interessen auch gegenüber der Macht der Herrschenden zu verteidigen. Oder vielleicht richtet sich dieser Ausspruch auch nach der Philosophie Schopenhauers, dass der „Intellekt […] eine bloße Waffe des blinden Lebenswillens im Kampf ums Dasein“ darstellt?

Lebensweisheit #5: Eintracht hat große Macht

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Eintracht hat große Macht

Dieser altväterliche Ratschlag ist noch heute Schlüsselfaktor für gelungenes Teambuilding. Nach dem Prinzip „Gemeinsam sind wir stark“ wird an die Kooperationsgemeinschaft jedes Einzelnen appelliert.

Lebensweisheit #6: Recht geht vor Macht

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Recht geht vor Macht

Dabei geht es um die Prämisse, dass alle Menschen in den Augen der Justiz gleich seien. Als geflügeltes Wort etablierte Maximilian Graf von Schwerin dieses Zitat 1863 im Abgeordnetenhaus als er die Rede seines politischen Gegners Otto von Bismarck mit den Worten „Macht geht vor Recht“ zusammenfasste.

Lebensweisheiten am Rathaus?

Die Redewendungen appellieren an jeden Bürger der Stadt Charlottenburg, seinen Beitrag zum Wohle der Gemeinschaft beizutragen. Produktivität und Rechtschaffenheit werden als wichtige Erfolgselemente der Industrialisierung ebenso an der Fassade des Rathauses thematisiert, wie diese den Bürgerstolz verdeutlicht einer Stadt anzugehören und somit selbstverantwortlich zu sein statt der Willkür eines Herrschers zu unterliegt. Statt durch bildliche Allegorien wird an der Rückseite des Rathauses durch allseits bekannte Sprüche an bürgerliche Tugenden erinnert.

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