Jenseits des Stadtringes – Westend

Es verschlägt mich doch des öfteren nach Westend. Kein Wunder, sind es  doch nur einige Minuten, bis man dort ist. Zudem macht die Vielseitigkeit dieses Ortsteils eine Erkundung recht interessant. Heute möchte ich euch dieses Gebiet „jenseits des Stadtringes“ daher vorstellen.

Lage

Vom Klausenerkiez aus gesehen, beginnt das Westend hinter dem Stadtring und der Ringbahn. Damit liegt der Ortsteil außerhalb der Umweltzone. Seit 2004 umfasst das Gebiet neben dem alten Westend und dem etwas später entstandenen Neu-Westend zudem die Gebiete Pichelsberg, Ruhleben, sowie die Siedlungen Eichkamp und Heerstraße. Das Gebiet umfasst damit ein Areal von fast 14 km² von der Havelchaussee bis zum Stadtring, welches zwischen Grunewald und Siemensstadt liegt.

Namensgebung

Benannt wurde die Ortslage nach englischem Vorbild.  Während der sogenannten Gründerzeit wurden große Flächen ungenutzte Gebieter in Stadtnähe von Spekulanten erworben. Hiervon blieb auch das Gebiet um den Spandauer Berg dank seiner Nähe zu Charlottenburg nicht verschont, Dort wurde durch die 1866 gegründete Kommanditgesellschaft auf Aktien „Westend“  großflächig Gelände aufgekauft, parzelliert und bebaut oder unbebaut weiterverkauft. Um zahlungskräftige Investoren anzulocken wurde das Gebiet als attraktives Villenviertel konzipiert. Auf dem Gelände des Spandauer Berges sollten vermögende Berliner Bürger und höhere Beamte fernab der dunklen Mietskasernen angenehm im Grünen wohnen können. Das geplante Villenviertel, welches entstand, warb mit Eleganz, wie man sie im gleichnamigen Londoner Stadtteil bereits kannte. Übrigens lag die Bezeichnung eines ambitionierten Stadtteils als Westend nach Londoner Vorbild um 1900 sehr im Trend. Köln, Leizig, Frankfurt am Main, München – sie alle besitzen noch heute ebenfalls ein Viertel mit diesem Namen.

Entstehungsgeschichte

Im Zuge des städtischen Wachstums während der Industrialisierung entstand eine wirtschaftlich finanzielle Hochphase – die Gründerzeit. Während in den Städten der Wohnraum knapp wurde und Bauspekulatanten entsprechend auf Mietshäuser setzten, versuchten einige ein anderes Klientel zu erreichen. Diese erkannten das Wohnen im Grünen als besonderer Anreiz für städtische Beamte. Bereits während der Parzellierung von Westend wurde dieser Wunsch daher berücksichtigt.  Entsprechend viele Plätze und kleine Parks finden sich in Westend. So konnte man Investoren die Grundstückslage in attraktiver Weise präsentieren und den Verkaufswert dadurch steigern. Die meisten der heute noch bestehenden Plätze wurden bereits von Beginn an eingeplant.

Maßtreibende Kraft der Kommanditgesellschaft war Albert WerckmeisterNeben dem Bankier Eichhorn und dem Lotterieeinnehmer Tuchen als finanzielle Kräfte, übernahm Heinrich Quistorp die Rolle des Bauentwicklers. Für die architektonische Planung gewann man Martin Gropius als Mitgesellschafter der Baugesellschaft.

Nach ersten Gewinnen geriet die Kommanditgesellschaft jedoch wie so viele andere spekulative Investitionsunternehmen der Gründerkrise zum Opfer und meldete 1873 Konkurs an.

Ein weiteres Kaufsargument stellte die verkehrstechnische Anbindung dar. Die Eröffnung der Eisenbahnstation Charlottenburg-Westend 1877 war der erste  Schritt zur verkehrstechnische Erschließung. Im Jahre 1878 wurde Westend an die Stadt Charlottenburg angeschlossen. Die verkehrsmäßige Erschließung erfolgte von Berlin aus durch die 1879 bis zum Gasthaus Spandauer Bock verlängerte Berliner Pferde-Eisenbahn.

Bahnhof Westend

Bahnhof Westend

Da Charlottenburg unaufhörlich wuchs war bis 1878 das ursprünglich geplante Areal komplett bebaut.

1908 war mit der Eröffnung des U-Bahnhofs Reichskanzlerplatz (U-Bahnhof Theodor-Heuss-Platz) der Anschluss an das Berliner U-Bahn-Netz hergestellt. Dadurch wurden weiter westlich gelegene Grundstücke ebenfalls zu attraktiven Bauplätzen. Westend wurde durch Neu-Westend erweitert.

Bild: Ausschnitt aus der Beilage zum Adressbuch für Berlin und seine Vororte 1907, Urheber: Alfred Mende 1907, Quelle: Wikimedia Commons (www.blocksignal.de)

Hier entstanden verstärkt Reihenhäuser und Mietswohnungen, wie sie die Bevölkerungssituation forderte. Darüber hinaus war Westend aber nicht nur eine reine Wohngegend. Zur Erholung im Grünen und zur Unterhaltung der Anwohner entstanden verschiedene Etablissements, wie beispielsweise die 1888 errichtete Trabrennbahn auf welcher Besucher auch erste Autorennen erleben konnten.

In den 1920er und 1930er Jahren wurde Westend durch Großprojekte, wie den Bau der Waldbühne, die Errichtung des Olympiastadions und des Messegeländes ergänzt. Durch die Nähe zum Messegelände und des in ihm anlässlich der Internationalen Funkausstellung 1924 errichteten Funkturms etablierte sich die aufkommende Radio- und Fernsehbranche ebenfalls in Westend.

Kiezbezeichnung

Bei meinen Kiez-Recherchen konnte ich leider keine geläufigen Einteilungen in Westend finden. Manche nennen einfach Westend ihren Kiez. Doch da der Ortsteil mit 14 km² recht groß ist, kann ich mir Westend als einen Kiez nicht so richtig vorstellen. Mit seinen zahlreichen Plätzen könnte ich hingegen sehr gut nachvollziehen, wenn die Bewohner des Brix-, des Karolinger-, des Steuben- oder Theodor-Heuss-Platzes sich als Zentrum eines eigenen Kiezes wahrnehmen.

Eine weitere einleuchtende Unterteilung des Westends in gemütliche Kieze wäre die Betrachtung der Ortslagen.  Hier unterteilt sich das Westend in die Villenkolonie Westend, Neu-Westend sowie die größeren Gebiete von Pichelsberg, Ruhleben, Siedlung Eichkamp und die Siedlung Heerstraße. Damit wird die Bezeichnung „Westend“ als Kiez verständlich. Denn in diesem Fall betrachtet man nur die alte Villenkolonie und nicht den gesamten Ortsteil.

Was wisst ihr darüber? Sind euch vielleicht Kiezbezeichnungen innerhalb Westends bekannt?

Sehenswürdigkeiten

Rund um die Messe Berlin finden sich der neue City-Cube und das alte ICC Berlin, der kleine aber ältere Bruder vom Fernsehturm – der Funkturm, sowie die ehemalige AVUS-Rennstrecke und der Zentrale Omnibusbahnhof (ZOB) .

Das Gelände um das Olympiastadion bietet Sport und Geschichte gleichermaßen. In seiner Nähe finden sich sehr unterschiedliche und interessante Orte, wie der Murellenberg und die Waldbühne oder das Corbussier-Haus und der Glockenturm.

Die Haupteinkaufsgegend stellt die Reichsstraße dar, während sich um den Theodor-Heuss-Platz mit dem rbb und dem Kabarett Wühlmäuse ein kulturelles Zentrum gebildet hat. Fernab der Museumsinsel finden sich in Westend das U-Bahnmuseum und das Georg-Kolbe-Museum. Auch der Jüdische Friedhof Heerstraße sowie der Britische Sodatenfriedhof sind einen Besuch wert. Damit wären aber nur einige Highlights dieser Gegend benannt. Durch die schöne Lage war und ist das Westend als Wohngegend nicht nur bei Prominenten und Künstlern beliebt. Hier finden sich auch einige diplomatische Vertretungen.

Ein Ausflug nach Westend lohnt sich allemal, denn mit seinen Villen- und Wohnsiedlungen, der Messe Berlin und dem Olympiastadion, den großen Wald- und Parkflächen sowie der alten Rennstrecke der AVUS ist Westend sehr divergent  und hat für jeden Geschmack etwas zu bieten und vor allem zu entdecken.

Webschmankerl & Bücherkiste

Für Westend finden sich schon einige eigene Blogposts angesammelt. Hier die direkten Links:

Advertisements

Ein Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s