Namensgebung des Witzlebenhauses im Klausenerkiez

Nachdem ich euch den Nachbarkiez „Witzleben“ bereits vorgestellt habe, habt ihr bereits vom spendablen Job von Witzleben gehört, dem Kriegsminister welcher den Lietzensee samt umliegenden Gelände der Öffentlichkeit schenkte und dafür noch heute mit einer Straße, einem Platz sowie einem Kieznamen geehrt wird. Im Klausenerkiez, genauer gesagt in der Sophie-Charlotten-Straße 23a gibt es seit 1937 das Witzlebenhaus in welchem heute das HörBIZ (Hörbehinderten-Beratungs- und Informationszentrum) seinen Sitz hat. Benannt wurde das Witzlebenhaus hingegen nicht nach Job, sondern nach der Begründerin der deutschen Schwergehörigenbewegung. Ihr Name: Johanna Margarethe von Witzleben.

Leben und Wirken

Im sächsischen Schloss Kitzscher bei Dresden wurde Johanna Margarethe von Witzleben am 22. Februar 1853 geboren. Als Tochter eines adligen Rittergutsbesitzers erhielt sie eine standesgemäße christlich geprägte Erziehung. Doch bereits während ihrer Backfischjahre begann Margarethes Hörvermögen schleichend abzunehmen. Alle Ärzte,Wunderheiler und Pfarrer die ihre Eltern konsultierten waren sich einig, dass Margarethes Hörverlust unheilbar sei. So wendete sich die spätere Freifrau der Wohltätigkeitsarbeit zu. Unter anderem organisierte sie gemeinsam mit einer Freundin die sogenannten „Sommerfrischen“. Dabei handelte es sich um Landaufenthalte für Berliner Arbeiterinnen, welche abgearbeitet und durch Lungenerkrankungen geschwächt in der ländlichen Umgebung wieder zu Kräften kommen sollten. Doch diese Arbeit war zeitlich begrenzt und vermochte die immer stärker werdende Isolation nicht zu verhindern. Margarethe nutzte ihre Freizeit zum Ausbau literarischen Fähigkeiten. So entstand das 1879 anonym veröffentlichte Manuskript Hephata. 1894 übernahm sie die Leitung des Berliner Pendants zu den Sommerfrischen um ganzjährig arbeiten zu können. Im Berliner Marienheim in Mitte fanden junge Frauen vom Lande , die in der Stadt ihr Glück suchten Unterkunft und Unterstützung. Maßgeblich war Margarethe hier am Aufbau einer Haushaltsschule beteiligt und brachte mit dem „Leitfaden der Haushaltungslehre“ welches sie 1898 veröffentlichte die erste größere Publikation heraus. Während dieser Zeit lebte Margarethe in der nahegelegenen Tieckstraße. Doch mit fortschreitendem Hörverlust konnte sie diese Tätigkeit nicht weiter verfolgen.

„Du sollst deine Schwerhörigkeit nicht vertuschen noch verdecken, sondern frank und frei bekennen! Das ist das erste Gebot für den Schwerhörigen, das Verheißung hat.“ schrieb sie in Ihrem Werk „Hephata! Ein Wort an Schwerhörige und Taube von einer Leidensgenossin.“

Dieses Buch stellte nicht nur ein Programm vor, persönlich mit der eigenen Taubheit umzugehen, sondern thematisierte diese nicht sichtbare Behinderung erstmals öffentlich.

Die Folge von Schwerhörigkeit war so gut wie immer Arbeitslosigkeit. Selbst davon unbetroffen engagierte sich Margarethe durch Spendensammlungen, Ausrichtung von Empfängen und Organisation von Fortbildungs- und Absehkursen für die Belange von Schwerhörigen und Tauben.

Mit einer Einladung zum gemeinsamen Pfingstgottesdienst unter Leidensgenossen gründete sich die Hephata-Gemeinde. Hephata bedeutet übrigens „Öffne dich“ und wurde zum Motto der Selbsthilfeorganisation sowie der Name der von Margarethe herausgegebenen Zeitschrift. Fast 3000 Briefe an Ratsuchende jährlich gehörten nun zu ihrem Alltag.

Dank des Berliner Engagements etablierten sich in vielen Städten weitere Selbsthilfevereine, welche sich 1914 zum Hephata-Bund zusammenschlossen. Als Margarethe 1917 starb, hatte sich die Selbsthilfe der Schwerhörigen und Ertaubten in Deutschland erfolgreich etabliert.

Diskussion um ein Straßenschild

Bisher haben nur wenige von ihr gehört, doch möchte man das gerne ändern. Margarethes Engagement und ihr Erfolg bei der Begründung der ersten Schwerhörigenbewegung in Deutschland soll auch von städtischer Seite Rechnung getragen werden. Für Berlin wäre es von Vorteil, ihre Arbeit und gleichzeitig die Schwerhörigenbewegung im Berliner Stadtbild zu thematisieren und so die Bevölkerung über Margarethe von Witzleben zu informieren. Ein Ansatzpunkt, um für sie ein eigenes Straßenschild zu fordern, wie einige meinten.

Statt jedoch der Frage nach möglichen freien oder freiwerdenden Straßen für eine solche Ehrung nachzugehen, entstand eine Diskussion in ganz andere Richtung: Die Genderdebatte. Denn seit einigen Jahren verfolgen manche Bezirke Berlins  bei der Benennung ihrer Straße das Ziel eine Frauenquote bei Straßennamen zu erreichen.

Unter diesem Aspekt entwickelte sich Margarete von Witzleben zu einem Politikum. Nicht ihrer Leistung, sondern nur ihres Geschlechtes wegen.

Die Diskussion führte zu Empörung, da eine Umbenennung der Witzlebenstraße einem Schildbürgerstreich gleichkommen würde. Die Umbenennung der bereits existierenden Witzlebenstraße sei eine sinnlose Verschwendung von Geldern, da es egal sei, ob Job oder Margarethe Namenspatron(in) sei. Weitere 45 historische Namensträger beiderlei Geschlechts aus dem alten thüringischen Adelsgeschlecht derer „von Witzleben“ haben neben Job und Margarethe übrigens einen Eintrag in der Wikipedia erreicht und hätten ebenfalls ein Recht auf Anhörung in dieser Diskussion gehabt.

Von den Disputen einmal abgesehen ist eine Umbenennung von Straßen, im Berliner Straßengesetz  geregelt. Um sein Straßenschild aberkannt zu bekommen, müsste Job von Witzleben als Namensgeber  aus der Zeit vor 1933 folgende Kriterien erfüllen:

„Umbenennungen sind nur zulässig, wenn diese nach heutigem Demo­kratieverständnis negativ belastet sind und die Beibehal­tung nachhaltig dem Ansehen Berlins schaden würde.“ (Quelle: Stadtentwicklung Berlin 2011, S. 1945)

Was der Posten Kriegsminister mit der Schwerhörigenbewegung zu tun hat? Nur der gemeinsame Nachnamen dank eines Urahnen. Margarethe und Job waren zwei ganz verschiedene Persönlichkeiten. Er aus der Elgersburger , sie aus der Wendelsteiner Linie derer von Witzleben. Um insgesamt 16 Jahre haben sich die beiden verpasst. Job starb 1837 und Margarethe wurde 1853 geboren. Angestoßen wurde die Idee zur Umbenennung der bereits existierenden Witzlebenstraße durch die kritische Hinterfragung des Straßennamens, welche ja nach einem Kriegsminister benannt worden war. Vergessen wurde dabei die lokalhistorische Leistung Jobs von Witzleben für Charlottenburg durch seine Generosität.

Letztendlich entschied sich die Bezirksverordnetenversammlung erfolgreich gegen eine Umbenennung, doch wurde diplomatisch erklärt, dass auch Margarethe eine ehrenwerte Kandidatin für ein Straßenschild sei. Mal sehen, ob, wann und wo eine „Margarethe von Witzleben-Straße“ entstehen wird.

In ihrem Namen

Vergessen wird Margarethe von Witzleben zumindest auch ohne eigenes Straßenschild nicht ganz. Vielseitig wird ihr Name in Erinnerung behalten.

So ist die Sophie-Charlotten-Str. 23a Standort des sogenannten Witzlebenhauses. Das Witzlebenhaus  ist seit 1932 Sitz des Schwerhörigen-Vereins Berlin und dem Haus der Schwerhörigen und Ertaubten.  1937 wurde das Gebäude in Margarethe-von-Witzleben-Haus umbenannt, woraus das geläufigere „Witzlebenhaus“ entstand.Eine Gedenktafel zu Ehren von Margarethe von Witzleben als Gründerin der Schwerhörigenbefegung findet sich am Hauseingang.

Zudem erhielt anlässlich ihres 150. Geburtstages auch ihr Wohnhaus in der Tieckstraße 17 ( heute befindet sich dort eine Notübernachtung für Frauen der Berliner Kältehilfe ) in Berlin-Mitte eine Gedenktafel, welche von der im selben Jahr gegründeten Margarethe-von-Witzleben-Gemeinschaftsstiftung finanziert wurde.

Darüber hinaus gibt es die Margarethe-von-Witzleben-Schule mit angeschlossenem Internat in Berlin Friedrichshain. Sie ist nicht nur eine der wenigen Schulen für Hörgeschädigte in Deutschland, an denen Jugendliche Abitur machen können, sondern gilt sie mit einer über hundertjährigen Tradition auch als erste Schwerhörigenschule im deutschsprachigen Raum. 1907 wurde sie gegründet, seit 1997 trägt sie den Namen der Gründerin der ersten Schwerhörigenbewegung Deutschlands.

Der Deutsche Schwerhörigenbund verleiht die „Margarethe-von-Witzleben-Medaille“ als höchste Verbandsauszeichnung für besondere Verdienste um die Belange der Schwerhörigen und Ertaubten.

Und ihr Grab auf dem Wilmersdorfer Friedhof wurde 1995 vom Berliner Senat in den Rang einer Ehrengrabstätte erhoben.

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