Berliner Sagen – „Der Wassermann vom Lietzensee“

Erinnert ihr euch noch an eure Kindheit? Genauer gesagt an die faszinierenden Geschichten der Großeltern denen man in die Decke gekuschelt mit einer Tasse Kakao zuhörte? Bei den Recherchen rund um den Kiez habe ich mich genau daran erinnert und im Bücherregal gestöbert. Und tatsächlich habe ich meine Berliner Sagen wiedergefunden, die mir das ein oder andere Mal an kalten Winterabenden vorgelesen worden sind. Falls ihr noch nie vom Wassermann vom Lietzensee gehört habt, dann macht es euch gemütlich und lest diese Berliner Geschichte:

Bild: Der Seebischof, Abbildung bei Johann Zahn (1696), Bildurheber: Sean Linehan, NOS, NGS National Oceanic and Atmospheric Adminstration (NOAA)

Lange bevor der Park am Lietzensee seine heutige Gestalt erhielt, befand sich darin unter dichtem Gebüsch versteckt ein Gartenhäuschen mit hohem Dach, das von Ferne wie die Spitze eines Kirchturms aussah. Die Sage aber meint, das sei wirklich der Rest einer kleinen Kirche gewesen, die der Wassermann vom Lietzensee dort versenkt hat.

Es stand nämlich einst ein Dörfchen an dieser Stelle, in dem ein gottesfürchtiger Bauer lebte. All seinem Tun war Erfolg beschieden. Seine Felder trugen reiche Frucht und sein Viehbestand mehrte sich. Als er eines Tages sehr zeitig in den Stall trat, erblickte er einen alten Wassermann, der in Fischhaut gekleidet war, dem Vieh bereits Futter gestreut hatte und fleißig dabei war, die Milchkuh zu melken.

Erschrocken stieß er mit dem Fuß gegen den Melkeimer. Da war der Wassermann plötzlich unsichtbar. Aber seine Stimme war zu hören und er schimpfte bei der Arbeit gestört worden zu sein.

Der Bauer aber bekreuzigte sich und rief:

„Heb dich von dannen, ich mag von gottlosen Wesen keine Hilfe haben.“

Da wurde die Stimme des Wassermanns ganz traurig.

„Du meinst, ich sei ein teuflisches Wesen, dabei bin ich jedoch fromm und christlich wie du.“

Und der Wassermann sang mit leiser klarer Stimme ein Kirchenlied.

„So bist du ein menschliches Wesen?“ fragte der Bauer „reiche mir deine Hand.“

Und eine zarte kühle Kinderhand legte sich in seine harte Faust. Der Bauer gab sein Einverständnis, dass der Wassermann bleiben dürfe. Er erzählte niemandem davon und sein Wohlstand mehrte sich.

Einmal jedoch überraschte eine Magd des Bauern die Frau des Wassermannes beim Baden. Sie schlug das Wasserwesen und jagte sie unter großem Geschrei davon. Die Magd aber behielt dieses Erlebnis nicht für sich und erzählte es im Dorf. Als nun der Bauer ebenfalls den Mund aufmachte und den Wassermann verteidigte, dieser sei ein frommes und liebes Wesen, beschuldigte man ihn der Zauberei. Und man ging noch weiter. Am nächsten Sonntag war der Bauer zur Messe. Da drang eine Gruppe Dorfbewohner in die Kirche ein, trieb den frommen Mann unter Spott und Schande hinaus und erschlug ihn.

Da beschloss der Wassermann den Untergang des ganzen Dorfes. Er befahl seiner Frau Buchweizenkerne zu mahlen. Bald begann im See ein heftiger Mahlstrom zu kreisen. Der wühlte sich unter die Ufer und zog die Häuser mit allen lebendigen Wesen in die Tiefe hinab. Als die Spitze der Kirche nur noch wenig aus dem Lande herausragte, gebot er seiner Frau Einhalt.

Noch heute soll man in mancher Vollmondnacht den Wassermann und seine Frau Kirchenlieder singen hören.

Webschmankerl & Bücherkiste zum Weiterlesen

Sagen von Berlin, motzbuch-edition

Gisela Griepentrog (2012): Berlin-Sagen.

Sylvia Feldmann (2012): Der Fisch am Rathaus. Sagen aus Berlin und der Mark Brandenburg.

Ingeborg Drewitz (1998): Märkische Sagen. Berlin und die Mark Brandenburg.

Inge Kiessig, Hanshermann Schlicker (1988): Berliner Sagen.

Claudia von Gélieu, Anna Zunterstein (2011): Wie den Berlinern ein Bär aufgebunden wurde. Geschichten aus Berlin.

 

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