Streetart der alten Schule – Fassadenkunst

Heute streiten sich die Gemüter, ob Street-Art Kunst oder Vandalismus ist. In den 1970er und 1980ern jedoch galten Giebelgemälde als Stadtverschönerung. Statt nackten, grauen Wänden sollten die farbenfrohen Bilder von der städtebaulichen Misere ablenken und wurden als wirksame „Fassadenkosmetik“ angesehen.  Obwohl es sich um „Kunst auf Zeit“ handelt, haben in der Umgebung einige der alten Klassiker überlebt.

Als erstes Wandbild in Berlin gilt Ben Wagins „Weltbaum – Grün ist Leben“ aus dem Jahr 1975. Das Alter sieht man diesem Street-Art wirklich an, doch ist es faszinierend, dass der Weltbaum I so lange überlebt hat. Live betrachten kann man ihn, wenn man am S Bahnhof Tiergarten vorbeifährt. Zwar befindet sich dieses Kunstwerk außerhalb von Charlottenburg, doch ist dieses Street-Art inzwischen 40 Jahre alt und der Ursprung einer Kunstbewegung, die nach wie vor sehr aktiv in Berlin ist.

Künstler: Ben Wagin

Projekt: Weltbaum – Grün ist Leben (1975), Künstler: Ben Wagin, Standort: Sigmunds Hof

Dieses Kunstwerk setzte den Startschuss für die Fassadenkunst in Berlin. Noch heute sind rund 400 Wandbilder im Berliner Stadtbild zu entdecken, doch sind sie immer „Kunst auf Zeit“. Die durchschnittliche Lebensdauer großflächiger Arbeiten wird auf 15 bis 20 Jahren geschätzt. Deshalb war ich recht überrascht, dass es gleich mehrere alte Fassadenbilder in der Umgebung gibt, welche wesentlich älter und trotzdem gut erhalten geblieben sind.

Gert Neuhaus

Als einer der produktivsten Berliner Alt-Künstler gilt Gert Neuhaus, der bereits 1979 damit begann die Fassaden Westberlins zu verschönern.

„Die riesigen Flächen sind nicht einfach zu bewältigen, sie haben eigene Gesetze, eine Hauswand funktioniert anders als eine Leinwand. Nicht nur in Aufwand, Saugfähigkeit und Witterung.“ (Gert Neuhaus)

Eines seiner bekanntesten Werke ist wohl der Turnschuh gegenüber dem Rathaus Neukölln, welcher 1998 mit Abriss des Hauses an der Karl-Marx-Straße Ecke Flughafenstraße verschwand. In Charlottenburg hingegen haben einige seiner Kunstwerke überlebt.

Der Reißverschluss

Die Brandmauer in der Zillestraße 100 wollte Gert Neuhaus mit einer für die Gegend typischen Bürgerhausfassade verschönern. Den Übergang von Brandmauer und Fassade sollte ein Reißverschluss bilden. Sozusagen ein „Blick hinter die Fassade“.

„Was ich male, muß in die Gegend passen, sozusagen einen inneren Bezug zu den Häusern und den Menschen haben.“ (Gert Neuhaus)

Doch umgesetzt wurde das genaue Gegenteil. Man sieht, wie eine kahle Wand aussehen könnte. Viele Besucher fragten sich schon, warum so wenig Fassade gemalt wurde. Die Antwort ist relativ einfach: Aus Kostengründen. Dennoch ist diese über 30 Jahre alte Wandmalerei ein besonderer Blickfang. Dank der etwas nach hinten versetzten Lage in einer ruhigen Wohngegend am Rande der Charlottenburger Altstadt ist Gert Neuhaus „Reißverschluss“  hervorragend erhalten geblieben.

Reißverschluss

Projekt: Reißverschluss (1979), Künstler: Gert Neuhaus, Standort: Zillestraße 100

Der Phoenix

Nahe der Spree findet man an einer Fassade  einen riesigen Ozeandampfer. Gert Neuhaus nannte ihn Phoenix und malte ihn 1989.

Trotz der Lage an der vielbefahrenen Wintersteinstraße, auf welcher man in den Mierendorff-Kiez gelangt, hat auch dieses Fassadenkunstwerk  die Zeit unbeschadet überstanden. Solche riesigen Dampfer legen in Berlin zwar nicht an, doch kann man auf der Spree Bootsfahrten unternehmen. Nur einen kurzen Spaziergang entfernt, an der Schlossbrücke, befindet sich eine der Anlegestellen für eine solche Tour. Der  schiffbare Untersatz heißt dann vielleicht „Charlottenburg„.

Phoenix

Projekt: Phoenix (1989), Künstler: gert Neuhaus, Standort: Wintersteinstraße 20

Gerhard Andreès

Ein weiterer Künstler, dessen Werk die Lebenserwartung unbeschadet überschritten hat, ist Gerhard Andreès. Sein „Umfeld der Mitte“ entstand 1983. Man erreicht es, indem man über die Schlossbrücke den Mierendorff-Kiez betritt.

Projekt: Umfeld der Mitte (1983), Künstler: Gerhard Andreès, Standort: Tegeler Weg 107

Projekt: Umfeld der Mitte (1983), Künstler: Gerhard Andreès, Standort: Tegeler Weg 107

Während die Touristen in Prenzlauer Berg, Kreuzberg und Neukölln ihre Smartphones und Kameras zücken, um Fotos von Street-Art in Berlin zu machen, erinnert sich kaum einer daran, dass Street-Art schon einmal eine Hochphase der Fassadenkunst hatte.

Im Kampf gegen einheitliches Grau initiierte der Berliner Senat ab 1979 Programme und Wettbewerbe wie „Kunst am Bau“ und „Farbe im Stadtbild“. Dabei sollte die Kunst im Stadtraum bei der Um- und Neugestaltung Berliner Stadträume unter Einbeziehung künstlerischer Aktivitäten“, das Berliner Stadtbild verschönern. Damals wurde die Fassadenkunst mit öffentlichen Geldern unterstützt.

“Um die Attraktivität unserer Stadt weiter zu steigern, werden deshalb auch künftig Maßnahmen zur Verbesserung des Stadtbildes und damit die Farbe im Stadtbild gefördert.” (Wolfgang Nagel, Senator für Bau- und Wohnungswesen, 1989)

In den letzten Jahren erfährt Street-Art in Berlin seine Renaissance. Die Tradition der Fassadenmalerei  wird sehr produktiv weitergeführt. Dabei verewigen sich Künstler aus aller Welt auf Berliner Hauswänden und verleihen dem Berliner Stadtbild so wieder frische Farbe.

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Vorschau

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „West:Berlin“ hält Norbert Martins unter dem Motto: „Für den Moment tauglich und nicht für die Ewigkeit gemacht“ einen Vortrag über 40 Jahre Berliner Wandbilder. Dieser findet am 11. Juni 2015 um 18:00 Uhr im Ephraim-Palais statt. Der Eintrittspreis für den Vortrag beträgt 3€.

Für diejenigen, die sich für die Anfänge von Street-Art in Berlin interessieren, ist diese Veranstaltung einen Besuch wert. Nicht nur zeigt der Autor die Berliner Street-Art-Geschichte mit seinen Fotografien auf, sondern anlässlich des Vortrages werden auch Ben Wagin und Gert Neuhaus als Gäste erwartet. Eine gute Gelegenheit diese beiden Urgesteine persönlich zu treffen.

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