Abelone Jensen und das Wilhelm-Stift

Seit nunmehr 150 Jahren gibt es das Wilhelm-Stift in Charlottenburg. Damit ist das Wilhelm-Stift eine der ältesten sozialen Einrichtungen in Charlottenburg. Anlass genug, seine Geschichte vorzustellen und an die Person zu erinnern, auf deren Initiative die Errichtung des Wilhelm-Stifts zurückgeht.

Eine alleinstehende Frau Ende 30 war es, die sich engagiert für die Errichtung einer Heimstatt für „hilfsbedürftige Witwen und Jungfrauen“ einsetzte. Dabei handelt es sich aber nicht um eine gelangweilte Prinzessin oder eine reiche Bürgerin, sondern um eine energische Frau aus einfachen Verhältnissen. Abelone Jensen nutzte energisch und geschickt ihre Kontakte um ihre soziale Idee in die Tat umsetzen zu können.

Abelone Jensen – Gründerin des Wilhelm-Stifts

Nichts erinnert heute mehr an die Frau, welche im 19. Jahrhundert die Idee hatte hilfsbedürftigen Witwen und Jungfrauen eine sorgenfreie Heimstatt zu errichten. Selbst ihr Leben lang von der Wohltätigkeit anderer abhängig begrub Abelone Jensen diese Vision jedoch nicht, sondern widmete ihr Leben der Realisierung ihres Traumes.

„Abelone Jensen, Tochter eines Landwirts in Aarhus, wurde am 1. August 1829 geboren, verlor ihre Eltern in frühester Jugend, kam dann nach Kiel zu einer wohlhabenden Tante und wurde von dieser sehr strenge erzogen.
Erwachsen – übersiedelte sie zu ihrem in Sanssouci bei Potsdam lebenden Onkel, dem Hofgärtner Fintelmann, um diesen dessen gastliches Haus zu führen. Hier knüpfte sie enge Freundschaften mit hochgestellten Damen, welche ihr auch bis zu ihrem Lebensende – 5. Juli 1884 – treu und helfend zur Seite standen. (…)
Früh verwaist, hatte sie insbesondere tiefes Mitleid für ältere alleinstehende Damen, und aus diesem Mitleid entsprang die Idee, für die Errichtung eines Stiftshauses zu wirken.“ ( Neues Charlottenburger Intelligenzblatt)

Eine Heimstatt für „hilfsbedürftige Witwen und Jungfrauen“

Um genügend finanzielle Mittel für die Umsetzung ihrer Idee zusammen zu bekommen, begann Abelone Jensen mit dem Verkauf kleiner Bücher mit Bibelsprüchen und Liedern, die den Titel „Balsamine“ trugen.

Damit schaffte sie jedoch nur einen bescheidenen finanziellen Grundstock für ihr Vorhaben. Als ihr Onkel nach Charlottenburg versetzt wurde, zog sie mit ihm dorthin und lernte dort auch die Königinwitwe Elisabeth kennen. Diese war begeistert von dem Projekt und der Entschlossenheit Abelone Jensens ihren Traum zu verwirklichen. Aus eigener Kasse spendete sie 300 Taler. Unter der Protektion der ehemaligen Königin Elisabeths konnte das  Anfangskapital erfolgreich durch Wohltätigkeitsveranstaltungen auf 4000 Taler aufgestockt werden. Darüber hinaus machte die Königinwitwe ihren Schwager König Wilhelm auf das ambitionierte Vorhaben aufmerksam.

Namensgebung

König Wilhelm gefiel die vorgetragene Idee ebenfalls. Spendabel veranlasste er, einen 18.500 qm großen zum Schlossgarten gehörenden Acker für das karitative Projekt zu stiften und verdoppelte das bereits zusammengetragene Kapital auf 8000 Taler. Auf dem zur Verfügung gestellten Areal wurde 1865 mit dem Bau des ersten Gebäudes begonnen. Durch die königliche Protektion erschlossen sich Jensen ganz neue Spenderkreise. Bismarck selbst steuerte 2000 Taler bei und Ende 1876 verfügte man über ein Kapital von 33000 Talern. Dem großzügigen Spender zu Ehren wurde die Einrichtung daher „Wilhelm-Stift“ getauft.

Entwicklung des Wilhelm-Stifts

1867 konnte das erste Wohnhaus für „bedürftigen Witwen und verwaisten Jungfrauen der gebildeten Stände“ eröffnet werden. Nach und nach entstanden insgesamt fünf Gebäude in einer sonst recht grünen Parkoase.

Damit begann die wechselhafte Geschichte einer sozialen Einrichtung, die sich darauf konzentrierte alleinstehenden älteren Damen eine preiswerte und doch ansprechende Wohnstatt zu bieten. Von Beginn an war die Resonanz auf Abelone Jensens Idee sehr positiv. Über lange Zeit hinweg garantierte die Wohltätigkeit seitens des Hofes, der Kirche und innerhalb der Charlottenburger Bürgerschaft den Fortbestand des Wilhelm-Stiftes. Doch ganz ohne Eigenbeteiligung arbeitete die älteste soziale Einrichtung Charlottenburgs nie. Aus den Anfängen ist bekannt, dass

„die Anstalt (…) bietet (. ..) jeder einzelnen Stiftsdame eine vollständig in sich abgeschlossene Wohnung, bestehend aus einem Wohnzimmer, einer Schlafkammer und einer kleinen Küche, und schließt jeden Zwang zu einer Gemeinschaft des täglichen Lebens aus, fordert aber von den aufzunehmenden Damen, welche über 45 Jahre alt und mindestens fünf Jahre in der Provinz Brandenburg ansässig sein müssen, ein Eintrittsgeld von 320 Talern und den Nachweis einer gesicherten Jahreseinnahme von wenigstens 100 Talern.“ (Wilhelm Gundlach 1905)

Trotz manch finanzieller Schwierigkeiten blieb das Wilhelm-Stift ihrem karitativen Kredo über 100 Jahre treu. Bei einem Fliegerangriff im November 1943 wurden jedoch die Häuser IV und V  zerstört und 1945 dann auch die Häuser I und III von den Russen niedergebrannt. Nur das Haus II blieb schwer beschädigt erhalten. Nach dem Krieg bemühte sich das Kuratorium um Mittel für den Wiederaufbau und schloss sich dafür 1949 der Berliner Inneren Mission an. Doch erst 1952 waren genügend Gelder beisammen, um das Haus II instand zu setzen. Um den Wiederaufbau voranzutreiben und damit wieder über absichernde Einnahmen verfügen zu können, entschied man sich 1955 zum Verkauf einer 1700 m² großen Gartenfläche, die direkt an den Spandauer Damm grenzte. Dank der daraus resultierenden Einnahmen konnten bis 1959 auch die Häuser I, III und IV wieder aufgebaut werden.

Das Wilhelm-Stift heute

Heute versteckt sich der Eingang hinter den Wohnhäusern am Spandauer Damm, welche auf dem verkauften Gelände errichtet wurden. Abgeschieden vom Straßenlärm findet sich noch immer ein recht großes Parkidyll zwischen den einzelnen Wohngebäuden. Die rein karitative Tätigkeit konnte im neuen Jahrtausend jedoch nicht mehr aufrecht erhalten werden. Die Gebäude waren erneut sanierungsbedürftig und man entschied sich 2004 zur Entlassung des Wilhelm-Stifts aus den Besitzungen der Berliner Stadtmission. Seit 2005 wird das Seniorendomizil nun von Procurand betrieben.

Während einer ausgiebigen Sanierungsphase wurde das Wilhelm-Stift nicht nur heutigen Bedürfnissen angepasst, sondern die Unterbringungsmöglichkeiten durch einen Neubau erweitert. Damit besteht das Wilhelm-Stift erstmals wieder aus fünf Gebäuden. An die Verbundenheit zum Königshaus erinnern noch heute neben der Nachbarschaft zum Schloss die Häuser selbst. Statt der früher üblichen Nummerierung tragen die Gebäude inzwischen die Namen einiger Majestäten. Sogar einen Kaisersaal hat dieser Alterswohnsitz zu bieten.

Insgesamt 132 Service-Wohnungen gibt es auf der noch immer 16000 m² großen Anlage. Dabei verzichtet diese Einrichtung auf vielerorts üblich gewordene Mehrbettzimmer. Mit gerade einmal acht Zweibettzimmern verbleibt genügend Raum für betreutes Wohnen in einem ruhig gelegenen Altersdomizil mit einer noch immer großzügigen Parkanlage. Haustiere sind erlaubt. Auch Paare, bei denen nur einer eine Pflegestufe vorweisen kann, können hier einen gemeinsamen Alterssitz finden. Nur die dafür erhobene Gebühr fällt nach 150 Jahren doch etwas höher aus.

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