Kinderspielplatz „Villa Kunterbunt“

Abseits der Menschenmengen auf der Wilmersdorfer Straße habe ich einen etwas besonderen Kinderspielplatz gefunden. Schon von weitem wird man von der großen Schrifttafel angelockt auf der man den Namen „Villa Kunterbunt“ lesen kann.

Dieser Spielplatz findet sich in der Zillestraße 87 und wird über die Gierkezeile betreten. Hierbei handelt es sich um einen Themenspielplatz. Sämtliche Figuren entstammen den Kindergeschichten Astrid Lindgrens um die Hauptakteurin Pippi Langstrumpf.

Auf diesem Spielplatz fehlt zwar die oft gewünschte Kleinkindschaukel, doch können hier Kinder bis 10 Jahre auch anderweitig ihren Spaß haben. Ein besonderer Vorteil liegt dafür in dem großen überdachten Spielbereich, der auch bei schlechtem Wetter das Spielen draußen ermöglicht. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich auch die große Rutsche, der Kletterbereich sowie die Wasserpumpe, mit welcher man besonders an heißen Sommertagen für matschige Abkühlung sorgen kann. Damit das nicht zu sehr ausartet gibt es natürlich auch ausreichend Beobachtungsbänke für die Eltern.

Bitte nicht verwechseln: Es gibt noch einen weiteren „Pippi Langstrumpf Spielplatz“ am Theodor-Loos-Weg 14 in Neukölln!

Webschmankerl

„Aus einer Fliege einen Elefanten machen“ oder „Mit Scheuklappen durchs Leben gehen“

Was? Damit ist heute nicht Schluss? Nein, hier fängt es (mit viel Text und bildlos) erst an. Mir ging es bei dem Spielplatz „Villa Kunterbunt“ in erster Linie um eine Entdeckung im Kiez, die ich gemacht habe. Und damit auch andere daran teilhaben können, wollte ich einen kleinen Blogeintrag mit Bildern machen, wie ich dies schon für einige Parks in der Umgebung gemacht hatte. 

Das bei einem Fundstück immer zuerst Interesse auf die ein oder andere Weise geweckt wird ist klar. Bei mir war es das große Schild, dass mich anlockte und dann die Tatsache, dass es sich hier erstmals um einen Themenspielplatz handelte.

Als ich jedoch freudig von meiner neuesten Entdeckung berichtete, wurde meiner Begeisterung ein leichter Dämpfer versetzt. Ab hier entwickelte sich der Spielplatz zu einem abendfüllenden conversation piece.

Der Spielplatz sei ja recht „nett“, aber

…müsse auch sehr kritisch betrachtet werden.

Während mein Gehirn intuitiv erst einmal „WTF“ schrie, meldete sich auch schon mein pädagogischer Nerv und schlug mir vor diese Bemerkung nicht einfach abzutun, sondern die Argumente meines Gegenübers in Ruhe anzuhören und anschließend einer gewissenhaften Reflexion zu unterziehen. Als ich dann mein Fundstück hier teilen wollte, habe ich mich dazu entschlossen, die mir begegneten Gedankengänge nicht zu verschweigen, sondern auch euch die Erfahrung weiter zu geben sich anhand dieses Kinderspielplatzes (Sand, Wasser, Spielgeräte) einem Themen- und Meinungskomplex ganz anderer Art zu widmen.

Ganz nach dem preußischen Prinzip „Jeder nach seiner Facon“ möchte ich die mir gegenüber geäußerten Bemerkungen weitergeben, die den ein oder anderen vielleicht auch – mehr oder weniger überrascht –  zum eigenen Nachdenken, Argumentieren, Sinnieren oder gemeinsamen Diskutieren anregen. Ich selbst habe mir das, was auf das Wörtchen „aber“ so folgte in Ruhe angehört, bei Bedarf nachgefragt und/oder recherchiert und mir letztendlich meine persönliche Meinung gebildet.

Das Kernthema bei dem Einwand war nicht der Spielplatz an sich oder die auf ihm zur Verfügung gestellten Gerätschaften. Vielmehr ging es dabei um seinen Namen sowie die thematisch auf ihm befindlichen Figuren.

Denn in diesem Jahr wird die Geschichte des Mädchens Pippi Langstrumpf aus der Villa Kunterbunt bereits 70 Jahre alt. Ihr habt bis heute bei dem Namen „Pippi Langstrumpf“ eine unschuldig positive Kindheitserinnerung? Wenn ihr diese ganz unreflektiert behalten wollt: Hört hier auf zu lesen!

Zum Nachdenken und Diskutieren

Bereits kurz nach der Veröffentlichung des von Astrid Lindgren in den 1945 erstmals veröffentlichten Buches gingen die Meinungen auseinander. Die Geschichten um Pippi Langstrumpf pendeln in einer Schwarz-Weiß-Betrachtung zwischen Literaturpreisen und Verdammung. Im Laufe der Zeit hat sich daran nichts geändert, nur die Blickwinkel und Zugriffspunkte haben sich immer wieder geändert. Gerade das Jubiläum belebt die (Neu)Betrachtung mit der Autorin und ihrem Werk im Gespräch mit anderen.

Entsprechend der vielfältigen Meinungen kann man zwischen harmlosem Kinderbuch und verabscheuungswürdigem Gekritzel viele Bewertungen finden. Doch haben wir uns idealerweise zu einer Gesellschaft entwickelt, in der Werte und Begriffe vielseitig in ihrer Bildung, Verwendung und Vermittlung beleuchtet und entsprechend hinterfragt werden um möglichst eine multiperspektivische Sichtweise zu erlangen und dabei den Geist der Toleranz zu fördern.

Die Geschichten um Pippi Langstrumpf regten und regen seit der ersten Veröffentlichung zu kritischer Reflexion an. Von agressiver Ablehnung bis hin zu naiver Akzeptanz finden sich an dieser fiktiven Person alle Facetten möglicher Leser/Hörer/Betrachter. Ein Spielplatz, der sich thematisch auf ein Buch bezieht, kann nicht vermeiden, dass die auf ihm spielenden Kinder durch Erwachsene und ihre Sprösslinge auch von der Existenz des Buches erfahren.

Hier daher ein Auszug an Themensträngen, denen man sich durch den auf den ersten Blick harmlosen Besuch auf dem Spielplatz in der Zillestraße gegenüber gestellt wiederfinden könnte:

Erziehung

Oh je. Da haben wir ja schon ein Thema, dass sich kinderleicht dazu eignet Diskussionen hervor zu rufen. Aber bleiben wir auf dem etwas neutraleren Thema einer ansatzweisen „Buchbesprechung“.

„2×3 macht 4 – widdewiddewitt und 3 macht 9e! Ich mach‘ mir die Welt – Widdewidde wie sie mir gefällt“

Unter diesem eingängigen Liedabschnitt vermittelt die Figur der Pippi Langstrumpf nicht nur fehlerhaftes Rechnen, sondern eine bis ins Extrem der Anarchie gipfelnde antiautoritäre Erziehung, welcher man sich selbst bewusst werden sollte. Wo man sich persönlich zwischen einer freien Selbstentwicklung eines Kindes und massiver Kindsvernachlässigung in der Meinung über die Figur aus der Feder Lindgrens positioniert, könnte im Gespräch mit anderen Eltern zu einem Thema werden.

Entscheidet man sich gegen das Tabuisieren und für die Weitergabe der Inhalte von Astrid Lindgren an die nachfolgende Generation, so ist das „Wie“ von Bedeutung. Während das Buch in manch naiven Kinderohren nur zur Unterhaltung dient, müssen sich Eltern darüber im klaren werden, ob sie dies ebenso sehen, die darin enthaltenen Wertevermittlungen gutheißen oder die pädagogische Moral hinter den Geschichten mit ihren Kindern erörtern.

Inhalt und Sprache

Gleiches gilt für die im Buch sowohl inhaltlich als auch sprachlich geschilderten Erlebnisse der Hauptfigur und die je nach angesprochenem Abschnitt vielfältigen Fettnäpfchen, die man als nichtexistent oder überholt wegwischen, vorsichtig oder rabiat umschiffen oder unbewusst oder willentlich betreten kann.

Denn von veraltetem Sprachgebrauch bis hin zu offensichtlichem Rassismus, von unreflektierter Kolonialzeitschilderung bis hin zur diffamierenden NS-Diktion finden sich ebenso Kritiker, wie gegen eine nach heutigem Standard politisch korrekte Umarbeitung eines zeitgenössisch zu betrachtenden literarischen Werkes.

Auch hier stellt sich die Frage: Gefahr erkannt – Gefahr gebannt ?!

Nicht vergessen darf man hierbei, dass wir hier von einem Buch reden, welches nicht nur in seiner Ur-Fassung heute tabuisierte Wörter verwendet, sondern auch sonst den Kindern ein neues Vokabular beibringt. Darunter auch Schimpfwörter, die man beim Vorlesen abändern muss, nach dem Fernsehen dringend besprechen möchte oder nach einem Hörspiel aus dem Kindesmund erleben kann.

Gender, Herkunft & Verhalten

Und welche Werte vermittelt die Lektüre der Pippi Langstrumpf unter gesellschaftskritischen Aspektpunkten?

Da wäre das „emanzipierte Mädchen“, welches selbstbewusst oder autoritätsverachtend auftritt und trotzdem „Hosen in einer neutralen Farbe“ trägt. Dank ihrer Stärke tritt sie mal als Helfer, mal als Schikanierer auf. Gleichzeitig bringt sie den „bürgerlichen Kindern“ bei Freiräume zu „erkämpfen“ und dabei trotzdem jeden unvoreingenommen zu begegnenn. Sie wohnt in einem eigenen Haus und hat durch ihren Vater den Titel einer Prinzessin „geerbt“. Nicht zu vergessen, dass ihr Vater dabei ein Krimineller/Glücksritter, ein Pirat/Freibeuter und Herrscher/Unterdrücker ist.

Eine inzwischen vielfach geforderte gesellschaftliche Diversitätsdarstellung ist in Pippi Langstrumpf  ebenso vertreten, wie sie durch eine ethnische, religiöse und kulturelle Heterogenität fehlt.

Abschließende Worte

Wer sich bis hierhin noch nicht gelassen oder Haare raufend für Verbannung oder intensives (Neu)Studium der Bücher oder eine wie auch immer geartete Zwischennuance entschieden hat, dem lege ich zusätzlich noch das Thema Tiere ans Herz. Ein Pferd und ein Affe sind die „Haustiere“ von Pippi Langstrumpf. Nur ein Tipp: nicht artgerechte Haltung gilt bereits als Tierquälerei.

Für diejenigen von euch, die bis hierhin tatsächlich alles gelesen haben: Danke!

Ich habe bestimmt irgendeinen Aspekt vergessen oder ungleichmäßig beleuchtet. Aber besinnt euch bitte zurück: Alles begann damit, dass ich einen Spielplatz im Kiez gesehen habe und dachte, das könnte auch andere interessieren 😉

Webschmankerl II

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