Das Freibad am Fürstenbrunner Weg

Betritt man das Gelände am Anfang der Sophie-Charlotten-Straße auf welchem sich nur einige mehr oder weniger moderne Lagerhallen befinden, so kann man sich kaum vorstellen, dass das Grundstück so einiges erzählen könnte. Doch hier befand sich früher einmal das letzte private Freibad Charlottenburgs.

Betritt man den Logistikstandort auf Höhe der Pulsstraße, so entdeckt man noch ein paar Ruinen des ehemaligen Güterbahnhofes Charlottenburg und weiter hinten sehen auch die Lagerhallen aus, als wären sie zur damaligen Zeit entstanden. Heute jedoch soll es um eine andere Geschichte vor Ort gehen: Den Kochsee, welcher sich vor Errichtung des Bahnhofes an dieser Stelle befand.

Die Aufklärung reformierte die Ideen über Gesundheit und Hygiene. Mit dem Bevölkerungswachstum und den medizinischen Erkenntnissen der Neueren Geschichte wurde die Anleitung zur Hygiene auch in der städtischen Bevölkerung zu einem wichtigen Thema. Doch war das Schwimmen in Flüssen im Staate Preußen polizeilich verboten. 1817 eröffnete die erste militärische Schwimm- und Lehranstalt in Berlin. Bereits 1831 gab es an der Moabiter Brücke auch eine Badeanstalt für Frauen. Das Baden im Freien avancierte zur immer beliebter werdenden Mode.

Gleichzeitig wurden sogenannte Badeanstalten errichtet, in denen man sich regelmäßig waschen konnte, da es in den Häusern meist kein fließend Wasser gab. In diesen lag der Fokus jedoch auf der Reinigung, ein ausgelassener Badespaß war in ihnen meist nicht möglich. Große Nachfrage bestand daher in Badeanstalten, die über genügend Freiraum zum Schwimmen verfügten. Auch Unternehmer sahen darin eine Investitionsmöglichkeit und so entstanden vielerorts weitere Badeanstalten aus privater Hand, die mit eigens errichteten Bassins die Gefahren des Ertrinkens zu vermeiden suchten.

Am Ende des 19. Jahrhunderts war der Wunsch des Freibadens noch immer groß, doch hatte das Städtewachstum die Möglichkeiten stark eingeschränkt. Die erste öffentliche Spreebadeanstalt in Charlottenburg auf dem Gelände Lützow 3 war inzwischen einer Glashütte gewichen, der Roberts Park im Nassen Dreieck musste aufgrund mangelnder Wasserqualität schließen und auch die übrigen Badeanstalten an der Spree wurden aufgrund steigender Verschmutzung immer unbeliebter.

Daher hob 1885 der Unternehmer Wilhelm Görgs am Fürstenbrunner Weg ein Badebassin aus, das 1886 in Betrieb genommen wurde. Hier konnte er den badefreudigen Charlottenburgern  die gewünschte Erfrischung lukrativ anbieten.

Aufgrund der positiven Resonanz seitens der Bevölkerung und der geringen Konkurrenz in Charlottenburg erfreute sich die Görg’sche Badeanstalt großer Beliebtheit. Bereits 1903 erwarb Görgs vom Forstfiskus den nahegelegenen Kochsee. Dies war ein seinem Bassin benachbarter Altarm der Spree, an welchem bis 1865 das Königliche Korbhaus gestanden hatte.

Seine Absicht war dabei rein am Gewinn orientiert. Mangels Alternativen beabsichtigte Görgs den Kochsee nur zu erwerben, um diesen mit Gewinn an den Magistrat Charlottenburgs weiterzuveräußern. Als dieser das überteuerte Angebot jedoch ausschlug, betrieb Görgs die Badeanstalt im Kochsee auf eigene Faust weiter. Hierfür errichtete er zusätzlich ein Kaffee-Haus sowie ein Badeschiff, von welchem aus die Besucher das Wasser ohne Gefahr genießen konnten.

Im Kochsee suchten an heißen Sommertagen bis zu 3000 Menschen Erfrischung. Die Tatsache, dass ansonsten seit 1898 nur die Volksbadeanstalt in der Krumme Straße zur Verfügung stand, machten den Kochsee zu einer gefragten Einrichtung. Mit seiner 100 Meter Schwimmbahn war der Kochsee dabei viermal größer, als das Becken des Hallenbades.

Kartenausschnitt Charlottenburg um 1905

Kartenausschnitt Charlottenburg um 1905

Alle anderen Freibäder, wie die Badeanstalt Otto Schramms am Wilmersdorfer See waren zu weit entfernt, um wirklich mit der Görg’schen zu konkurrieren.

Dennoch bot der Kochsee neben dem allgemeinen Badevergnügen auch ein attraktives Rahmenprogramm. Er wurde zum Austragungsort zahlreicher Schwimmwettbewerbe und manch Charlottenburger Schwimmverein gründete sich an den Ufern des Sees.

Internationales Schwimmfest im Kochsee zu Charlottenburg / Spezial-Aufnahmen  für 2Berliner Leben" von Max Mittmann (1907/08)

Internationales Schwimmfest im Kochsee zu Charlottenburg / Spezial-Aufnahmen für „Berliner Leben“ von Max Mittmann (1907/08)

Als 1909 der Eisenbahnfiskus das Gelände für eine Erweiterung des Güterbahnhofs Westend benötigte, verkaufte Görgs den See dennoch gewinnbringend an die Eisenbahn.

Während der Sommermonate 1909, 1910 und 1911 durfte im Kochsee noch weiter gebadet werden. Doch am 1. September 1911 mussten die Charlottenburger mit ansehen, wie unerbittlich das Zuschütten des Kochsees vorangetrieben wurde.

Damit war der Kochsee, das letzte private Badeunternehmen in Charlottenburg, welches das Freibaden angeboten hatte, nur noch Geschichte.

Bereits Mitte 1911 wurde  das Fehlen eines Freibades in Charlottenburg auf einer Stadtverordnetensitzung heftig kritisiert:

„Charlottenburg ist hinten in die Reihe der kleinen Landstädte gerückt“, klagt der nationalliberale Stadtverordnete Panschow in der Stadtverordnetensitzung vom 30. Mai 1911, „wo die Bewohner Gelegenheit zum Baden in freier Luft nicht mehr haben. Alle umliegenden Ortschaften haben diese Gelegenheit: in Wilmersdorf kann man im See baden, in Grunewald ist eine Badeanstalt, in Saatwinkel, in Plötzensee, Berlin hat an verschiedenen Stellen Flußbadeanstalten eingerichtet – nur Charlottenburg ist (…) um diese Gelegenheit zum Baden gekommen. (…) Im Kochsee haben an heißen Sommertagen – ich habe mich selbst davon überzeugt – 2000 bis 3000 Personen ein Bad genommen: alle diese sind jetzt gezwungen, nach der Krummen Straße zu gehen, und dort ist tatsächlich wegen der Ueberfüllung eine Kalamität.“ (Wimmer, S. 144)

Trotzdem wurde erst 1927 mit dem Jungfernheidepark eine neue Möglichkeit geschaffen, in welcher die Charlottenburger Bevölkerung wieder dem Badespaß in freier Natur in erlaubter Weise frönen konnte.

Das Gelände auf dem sich ehemals der Kochsee befand, liegt an der heutigen Sophie-Charlotten-Straße 1-4. Heute wird das Areal als Logistikstandort genutzt. Besucher finden neben einigen Ruinen noch einen Getränkemarkt, ein Fenster- und Türen-Geschäft sowie ein Küchenstudio mit angegliedertem Werksverkauf. Seit 2005 ist diese Adresse zudem Produktionsstandort für Dunkin‘ Donuts und Sitz des internationalen Filmgeräteverleihs CINEGATE.

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