Heinrich Zille – der Pinselheinrich in seinem Milljöh

Bekannt wurde der Fotograf und Maler Heinrich Zille durch seine Bilder, die das Arbeitermilieu darstellten. Dabei fand er viele seiner heute bekannten Motive im Klausenerkiez. Denn Zille lebte bis zu seinem Tod 1929 in der Sophie-Charlotten-Str. 88. Nicht ohne Grund also stellt sich der Kiez auch als „Zilles Milljöh“ vor. Grund genug, diesen berühmten Nachbarn heute einmal im Kurzportrait vorzustellen. 

Leben und Wirken

Als Sohn eines Schmieds wurde Heinrich Rudolf Zille am 10. Januar 1858 im sächsischen Radeberg geboren. In Sachsen verbrachte er die ersten Jahre seiner Kindheit, bevor die hochverschuldete Familie 1867 nach Berlin zog. Die Familie bewohnte eine kleine Stube mit winzigem Fenster und Küche in der Nähe des Schlesischen Bahnhofs, während sich der Vater meinst im Schuldgefängnis befand. Betten gab es keine, oftmals schlief man ganz auf der Erde. Diese ärmlichen Verhältnisse haben Zille geprägt und den Inhalt seiner Werke bestimmt.

Ab 1872 arbeitete er tagsüber als Lithograph bei der Photographischen Gesellschaft, während er abends seiner Leidenschaft, der Malerei frönte, indem er die Kunstschule besuchte. Bis zu seinem Ende sollte er dem Ratschlag seines Kunstprofessors treu bleiben:

,,Gehen Sie lieber auf die Straße raus in’s Freie, beobachten Sie selbst, das ist besser als nachmachen.“ (Professor Hosemann)

Und im Freien fand er seine Inspiration: die Mietskasernen und ihre Bewohner. Er malte das Leben, wie es war. Doch mit seiner ruppigen Berliner Art und offenen Sozialkritik eckte er häufig an. Als Pinselheinrich wurde er verpönt, viele seiner Werke als sittenwidrig verboten.

Doch in der Berliner Künstlerszene fand er Anerkennung. Hier wurde die schonungslose Realdarstellung der Berliner Verhältnisse als Kunst verstanden und Zilles zeichnerisches Talent geschätzt.  Die Berliner Secession bot ihm 1902 Raum in ihrer Ausstellung  „Schwarz-Weiß“, woraufhin sich auch Galeristen für ihn zu interessieren begannen. Seine Popularität stieg durch die Mitarbeit an der satirischen Zeitschrift „Simplicissimus“, bis er 1921 sogar in der Nationalgalerie ausgestellt wurde. Höhepunkt seiner Karriere war 1924 die Ernennung zum Professor, mit welcher er zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste wurde.

„Der Berliner Abort- und Schwangerschaftszeichner Heinrich Zille
ist zum Mitglied der Akademie der Künste gewählt und als solches vom Minister bestätigt worden.    –    Verhülle, o Muse, dein Haupt.“ (völkisches Blatt Fredericus, 12924)

Das Ende jedoch kam rasch. Anfang 1929 erlitt Zille seinen ersten, Mitte des Jahres den zweiten Schlaganfall. Als Heinrich Zille  im August 1929 starb, folgten rund 2000 Trauergäste seinem Sarg bis zum zweitgrößten Friedhofs Deutschlands, dem Südwestkirchhof Stahnsdorf. Unter den Trauernden befanden sich auch viele seiner Künstlerkollegen. Dichter Kurt Tucholsky verfasste ihm folgenden Nachruf:

„Zweeter Uffjang, vierta Hof wohnen deine Leute; / Kinder quieken: ,Na, so doof!’, jestern, morjn, heute. / Liebe, Krach, Jeburt und Schiss … du hast jesacht, wies is.“ (Beginn des Gedichts: Lerne lachen ohne zu weinen, unter dem Pseudonym Theobald Tiger)

Zille im Klausenerkiez

Da sein Arbeitgeber, die Photographische Gesellschaft nach Westend zog, suchte sich Zille auch für seine Familie eine dem Arbeitsplatz nahegelegene Bleibe. 1892 zog er mit Kind und Kegel in die Sophie-Charlotten-Straße 88.

Zilles Milljöh - der Klausenerkiez stellt sich vor

Zilles Milljöh – der Klausenerkiez stellt sich vor

Vom Balkon im vierten Stock hatte er einen weiten Blick über Felder, Wiesen und die Eisenbahn. Als er jedoch nach insgesamt 30 Dienstjahren zugunsten billigerer Arbeitskräfte entlassen wurde, arbeitete er nur noch freischaffend.

Seit 1905 flogen die Anfragen nach Karrikaturen für die zahlreichen Zeitschriften und Zeitungen Berlins nur so ins Haus. Als Künstler konnte sich Zille nun frei entfalten, ohne Sorge um das Wohl seiner Familie haben zu müssen. Daher zählte die Zeit in der Sophie-Charlotten-Straße 88  zu der glücklichsten in seinem Leben. Entsprechend blieb der Künstler bis zu seinem Tod im Kiez wohnen.

„Meine Wände sollen mein Heim sein, bis ich sterbe.“

Im Klausenerkiez hat man Zille nicht vergessen und hält die Erinnerung an ihn weiterhin lebendig. So gab es in seinem Wohnhaus vor einigen Jahren ein Restaurant mit gutbürgerlicher deutscher Küche namens Pinselheinrich. Während meiner Abwesenheit wurde das Lokal geschlossen und machte Platz für den Heinrich-Zille-Kindergarten. Die Gedenktafel, welche der Berliner Magistrat 1931 am Haus anbrachte, wurde zwar von den Nazis abmontiert, jedoch 1949 wieder an alter Stelle angebracht.

Schriftsteller, Zeichner und Erfinder der Straßenfotografie

Zilles Lieblingsmotiv war der Alltag. Sozialkritisch und lokalpatriotisch waren seine Werke als Schriftsteller und Zeichner. Er scheute sich auch nicht, sich mit unbequemen Themen zu befassen. Beispielsweise mit dem Leben  der Prostituierten im Berliner Rotlichtmilieu, worüber er unter dem Pseudonym W. Pfeifer 1913 das Buch „Hurengespräche“ veröffentlichte.

In seinen Zeichnungen zeigte er das oft ungesunden Arbeitermilieu  und unterstrich diese nonchalant mit satirischen Sprüchen.

Kinderfreuden 1904

„Vater wird sich frei’n, wenn er aus’t Zuchthaus kommt, det wir schon so ville sind!“

Seine Straßenfotografie gilt als Pionierhandlung und er selbst somit als Erster, der die moderne Technik für das Festhalten von Alltagsszenen einsetzte. Auch wenn er die Fotos nur machte, um ganz in Ruhe seine Zeichnungen anfertigen zu können. Eine Kamera besaß er selbst nicht, sondern lieh sich eine von seinem Arbeitgeber oder später von Künstlerkollegen.

Davon kannte er genug. Denn im Kreis der Berliner Bohème pflegte Zille seine Kontakte und wurde 1903 Mitglied der Berliner Secession. Hier fand er Anerkennung für den Spiegel, den er der Weimarer Republik schonungslos vorhielt. Als Raffael der Hinterhöfe wurde er in diesen Kreisen bekannt.

ZillesBoheme schattenaufberlin

Die Berliner Bohème um 1900. Quelle: schattenaufberlin.org

Brille, Bart und satirisch kurze Sprüche zu seiner Darstellung des täglichen Arbeiterlebens: Heute würde Zille wohl als waschechter Hipster gelten.

„Ein weiteres wichtiges Merkmal der Hipster ist ihr Trendgespür: sie sind Pioniere und Entdecker der neuesten kulturellen Trends und Ideale“ (was ist ein Hipster)

Zille als Modell

Für die Figur Wedigo von Plotho stand Zille dem Künstler August Kraus Modell. Die Figur mit seinem Gesicht war Teil der sogenannten „Puppenallee“ im Tiergarten. 2009 verschwanden die Skulpturen der Siegesallee zur Restaurierung in der Zitadelle Spandau. Dieses Jahr sollen sie im Zuge der Dauerausstellung „Enthüllt – Berlin und seine Denkmäler“ wieder der Öffentlichkeit präsentiert werden. Dann kann man den bürgerlichen Zille wieder in adligem Gewand erleben.

Heinrich Zille heute

Anlässlich seines 150. Geburtstages wurde im Nikolaiviertel eine Sandsteinskulptur von ihm aufgestellt.

 

Bild: English: Statue of Heinrich Zille, placed at the Poststraße in Nicolai-viertel (Berlin Mitte) / Fotograf: Thorsten Stegmann (2007) / Quelle: Wikimedia Commons

Gleich in der Nähe findet sich das täglich geöffnete Zille-Museum. Eine Bronzefigur Zilles vom Künstler Heinrich Drake (1965) kann man auch im Köllnischen Park in der Nähe des Bärenzwingers entdecken. Ebenfalls in Mitte befindet sich der Zillepark.

Die größte Sammlung an Werken Zilles außerhalb Berlins bietet übrigens das Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr in der Alten Post.

Zwar wurde der Pinselheinrich erst 1970 zum Berliner Ehrenbürger ernannt, in den 1980ern wurde seine Person jedoch sowohl in Ost wie West als „Vater des Berliner Milljöhs“  sehr verehrt. Entsprechend findet man heute in Moabit das Zille-Viertel, in Stahnsdorf, Kreuzberg und Friedrichshain gibt es Schulen, die den Namen dieses Künstlers tragen und in Rummelsburg gibt es sogar eine Zillepromenade. Selbst am U-Bhf. Kottbusser Tor gibt es ein Gedenktafel für Heinrich Zille.

Heinrich Zille (1955) Kottbusser Straße 1

Heinrich Zille (1955) Kottbusser Straße 1

In Charlottenburg gibt es das Restaurant Zillemarkt und die frühere Wallstraße wurde 1947 ihm zu Ehren in Zillestraße umbenannt. Sie stellt die Grenze der Charlottenburger Altstadt dar. Gerade entstehen dort die „Zillegärten“.

Noch heute findet man viele zilleske Szenen in moderner Form an Berliner Hauswänden. So zum Beispiel am Bahnhof Charlottenburg, im Wrangelkiez oder an manchen Eckkneipen.

Vielerorts wird die Erinnerung an Heinrich Zille also weiter am Leben erhalten. So spielt das Theater im Nikolaiviertel noch immer regelmäßig den Klassiker mit dem Titel „Zille sein Milljöh“.

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