Magnus Hirschfeld – der Einstein des Sex

Direkt gegenüber dem Rathaus Charlottenburg findet sich eine unauffällige Stele, an der die Menschen täglich vorbeigehen ohne sie wahrzunehmen. Die Hirschfeld-Stele gedenkt dem Sexualforscher Magnus Hirschfeld der heute vor 80 Jahren starb. Zu diesem Anlass möchte ich diesen berühmten Nachbarn und seine Arbeit heute vorstellen.

Leben und Wirken

Genau 67 Jahre alt wurde der deutsche Arzt Magnus Hirschfeld. Am 14. Mai 1868 in Kolberg geboren, verstarb er am 14. Mai 1935 in Nizza, wo er auch seine letzte Ruhe fand. Als Pionier der Sexualforschung ging er in die Geschichte ein.

Magnus Hirschfeld entstammte einer jüdischen Familie und wurde wie sein Vater Arzt. Während seiner Studienzeit kam er unter anderem nach Berlin. Nach seiner Promotion an der Berliner Universität zog es ihn 1895 nach Charlottenburg. Dort wohnte er in der Berliner Straße 104, einem Haus in der heutigen Otto-Suhr-Allee gegenüber des Rathauses.

Neben seiner Tätigkeit als Arzt schreibt er für die Zeitschrift „Hausdoctor“ Artikel über Naturheilkunde und naturgemäße Lebensführung, wodurch er sich auch mit der sexuellen Aufklärung und Erziehung befasst. Neben der Praxistätigkeit führt er Studien zur neu entstehenden Sexualforschung durch. Deren Ergebnisse veröffentlicht er ab 1899 im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, welche zum Fundament seiner politischen Argumentation gegen die politische und gesellschaftliche Diskriminierung von Homosexuellen wird. Sein 1914 erscheinendes Buch „Die Homosexualität des Mannes und des Weibes“ wird zum Standardwerk der neuen Disziplin der Sexualforschung. Er selbst zum führenden Forscher auf dem neuen Gebiet. Mit zahlreichen Vorträgen erlangt er Berühmtheit.

Während des 1. Weltkrieges ruht seine wissenschaftliche Tätigkeit. Hirschfeld arbeitet als Lazarett-Arzt. Nach Kriegsende widmet er sich dem Aufbau des ersten Institutes für Sexualforschung und arbeitet weiter an seiner Karriere.

Doch seine persönliche Biografie machen ihn gleichzeitig zur Zielscheibe – jüdisch, homosexuell und sozialdemokratisch. Nach einem Vortrag in München 1920 wird Hirschfeld  so schwer verletzt, dass er vom Krankenbett aus seinen eigenen Nachruf in der Presse lesen kann.

1930 verlässt Hirschfeld Deutschland, um eine Vortragsreise in den USA zu halten. Während dieser Reise begleitet ihn der befreundete Journalist George Sylvester Viereck, welcher für ihn in zahlreichen Zeitungsartikeln den Beinamen „Einstein des Sex“ prägt.

Aufgrund der politischen Lage sowie der damit verbundenen Schließung seines Instituts, kehrt Hirschfeld nicht mehr nach Deutschland zurück. Bis zu seinem Tod lebt er mit seinen beiden Geliebten Karl Giese und Tao Li in der Schweiz und in Frankreich im Exil.

Hirschfeld als Sexualforscher

Sein Werk „Sappho und Sokrates oder Wie erklärt sich die Liebe der Männer und Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts“ 1896 machte ihn zum Pionier der Ende des 19. Jahrhunderts entstehenden Sexualwissenschaft. Seine Lehre von sexuellen Zwischenstufen rückte von einer binären Geschlechterordnung ab und formulierte erstmals, dass alle Männer und Frauen einzigartige unwiederholbare Mischungen männlicher und weiblicher Eigenschaften seien. Auf Basis dieser These focht Hirschfeld für ein politisches Ziel, das heute noch so aktuell ist, wie damals: Staatliche Verfolgung und gesellschaftliche Ächtung sexueller Minderheiten sollten weltweit abgeschafft werden.

„Das engagierte Wirken von Magnus Hirschfeld mahnt bis heute zu Toleranz und Akzeptanz gegenüber Minderheiten in unserer Gesellschaft.“ (Hirschfeld-Stele 1995, Charlottenburger Altstadt)

Mitbegründer der ersten Homosexuellen-Bewegung

Durch §175 des Strafgesetzbuch werden sexuelle Handlungen zwischen Männern sowohl im Kaiserreich als kriminelle Handlung eingestuft.

„Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Thieren begangen wird, ist mit Gefängniß zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.“ (RStGB §175)

Am 15. Mai 1897 gründete Hirschfeld gemeinsam mit dem Schriftsteller Franz Joseph von Bülow und zwei weiteren Freunden in seiner Wohnung das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK).

Hirschfeld-Stele Inschrift

Als Vorsitzender der Organisation wollte er auf der These der angeborenen Natur gegen den Paragraphen vorgehen. Bis 1897 konnte das WhK 6.000 Unterschriften sammeln, so dass die Pedition ein Jahr später von August Bebel im Reichstag eingebracht werden konnte. Zwar blieb der erwünschte Erfolg eine Entkriminalisierung der Homosexualität zu erzielen aus, doch gilt das Komitee als weltweit erste Organisation, die sich politisch gegen die juristische Verfolgung der mannmännlichen Liebe aussprach.

Das Institut für Sexualwissenschaften

Unter dem Wahlspruch „per scientam ad justitiam“ wurde 1919 das Institut für Sexualwissenschaften von der Ärztlichen Gesellschaft für Sexualwissenschaft und Eugenik in Berlin gegründet. Hierbei handelte es sich um die weltweit erste Einrichtung, welche die sexualwissenschaftliche Forschung mit der Lehre vereinte. Als Institutsstandort erwirbt Hirschfeld das ehemaligen Palais de Ville In den Zelten 10 /Beethovenstraße 3.  1933 erfolgte die Beschlagnahmung des Gebäudes. Der Magnus-Hirschfeld-Stiftung wird der Status der Gemeinnützigkeit aberkannt, wodurch es zu nachträglichen Steuerforderungen kommt. Da Hirschfeld bereits im Exil lebt veranstaltet das Berliner Finanzamt eine Versteigerung der noch vorhandenen Gegenstände aus der im Institut befindlichen Privatwohnung

“aus dem Besitz des bekannten Sexualforschers Dr. Magnus Hirschfeld, unter anderem eine 3000 Bände umfassende wissenschaftliche und schöngeistige Bibliothek, ferner ärztliche Apparate, Instrumente, Möbel usw.” (Neue Journal, Wien)

Dabei sind Hirschfelds Bücher bereits verboten und wurden im Mai demonstrativ auf dem Hegel-Platz an der Staatsoper verbrannt.

Marcus Hirschfeld heute

Heute wird vielerorts und vielseitig dem Begründer der ersten homosexuellen Emanzipationsbewegung Deutschlands gedacht.

Die Hirschfeld-Stele in der Charlottenburger Altstadt befindet sich vor der Wohnanschrift Hirschfelds in der heutigen Otto-Suhr-Allee 104. Das Gebäude selbst, steht nicht mehr, die Stele erinnert vor Ort seit 1995 an den Mitbegründer der deutschen Homosexuellenbewegung.

Stele Otto-Suhr-Allee 104,

Hirschfeld-Stele Otto-Suhr-Allee 104

Eine Gedenktafel am Spreeufer des Tiergarten zwischen Moltke-Brücke und Kanzlergarten berichtet über seine Arbeit, dessen Promenade 2008  in Magnus-Hirschfeld-Ufer benannt wurde.

Gedenktafel, Erste Homosexuelle Emanzipationsbewegung, Magnus-Hirschfeld-Ufer, Berlin-Moabit

Gedenktafel, Erste Homosexuelle Emanzipationsbewegung, Magnus-Hirschfeld-Ufer, Berlin-Moabit

 

Zusätzlich findet sich ganz in der Nähe eine Gedenktafel am ehemaligen Institutstandort auf dem heute das Haus der Kulturen der Welt steht.

Bild:  Hirschfeld-Gedenktafel in Berlin-Tiergarten, Deutschland (am Spreeufer westlich des Hauses der Kulturen der Welt) / Fotograf: Doris Antony, Berlin (2008) / Quelle: Wikimedia Commons

Zahlreiche Gesellschaften und Stiftungen tragen nicht nur seinen Namen, sondern führen auch seine Arbeit weiter. Hier einige Beispiele:

1982 gründete sich in West-Berlin die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, welche sich der historischen Forschung innerhalb der Sexualwissenschaft gewidmet hat. In der Mohrenstraße findet sich auch deren Präsenzbibliothek, welche jeweils montags von 14 bis 18 Uhr geöffnet ist.

Seit 1990 wird von der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung die Magnus-Hirschfeld-Medaille für besondere Verdienste um Sexualwissenschaft und Sexualreform verliehen.

Das 1994 von Haeberle gegründete Magnus-Hirschfeld-Archiv für Sexualwissenschaften wird seit 2001 an der HU weitergeführt.

Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld der deutschen Bundesregierung, arbeitet seit 2011 daran, die Diskriminierung von homosexuellen und transidenten Menschen abzubauen.

In diesem Jahr geht der Magnus-Hirschfeld-Preis in der Kategorie „Institution/Projekt“ an das Schwule Museum in der Lützowstraße 73 und wurde am 12. Mai im Festsaal des Rathauses Charlottenburg überreicht.

Seit 2012 finden biennal die Hirschfeld-Tage in Deutschland statt. Jedes Mal in einem anderen Bundesland. Nach ihrer Premiere 2012 in Berlin sind Austragungsorte der Hirschfeld-Tage 2016 in Sachsen und in Thüringen zu finden.

Und pünktlich zum 80. Todestag ist mir folgendes Plakat aufgefallen:

Plakat_starsformagnus

Webschmankerl & Bücherkiste

 

 

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