Der Chronist Charlottenburgs – Johann Christian Gottfried Dressel

Nahe der Luisenkirche in der Altstadt Charlottenburg findet sich eine fast vom Wein verborgene Gedenktafel. Diese erinnert an den Oberpfarrer Johann Christian Gottfried Dressel, welcher fast 50 Jahre lang in Charlottenburg tätig war. Seine Aufzeichnungen über die Geschehnisse in seiner Gemeinde machten ihn zum Chronisten Charlottenburgs. Darüber hinaus war er selbst nicht untätig, die Lebensverhältnisse in der jungen Stadt zu verbessern. 

Leben und Wirken

In Crossen an der Oder wurde Johann Christian Gottfried Dressel am 22.9.1751 geboren. 1771 begann er sein Theologiestudium in Wittenberg, welches er 1773 in Halle abschloss. Nach Charlottenburg kam er 1778 um das dortige Pfarramt zu übernehmen. Zeit seines Lebens führte Dressel Buch über sein Leben und Wirken. Neben seinen Lebensbeschreibungen führte er auch eine sehr gewissenhafte Kirchenchronik. So wurde er zum Chronisten von Charlottenburg. Als Pfarrer sorgte er nicht nur für das seelische Wohl seiner Gemeinde. Nach der Pädagogik Pestalozzis richtete er die erste Schule Charlottenburgs ein. Für die Armen seiner Pfarrei eröffnete er zudem ein Krankenhaus. Der evangelische Theologe starb am 16.10.1824  in seiner Wahlheimat Charlottenburg und wurde auf dem Luisenfriedhof beigesetzt.

Dressel als Pfarrer

Dressel wurde 1778 Pfarrer der Stadtkirche Charlottenburgs. Damals war Charlottenburg noch ein ländliches Städtchen, welches vor allem von Ackerbau und Viehzucht lebte. Entsprechend karg waren die Einnahmen der Pfarrei und die Armut der Bevölkerung schlug sich auch im Zustand der Kirche und der ihr unterstellten Schulen wieder. Zeit seines Lebens  setzte sich Dressel für die Verbesserung der Lebensbedingungen in seiner Gemeinde ein.

Luisenkirche Gierkeplatz

Luisenkirche Gierkeplatz

Dafür scheute er sich auch nicht, sich zu verschulden. Doch glücklicherweise fand er mit seinen Predigten immer wieder Spender, die seine karitative Arbeit finanziell unterstützten. Beanstandet wurde Dressels Arbeit als Pfarrer nur in einem Punkt. Als er während der französischen Besetzung in seiner Kirche für Napoleon beten ließ. Während Gebete für Herrscher zum Gottesdienst gehörten, musste sich Dressel zu diesem Fehltritt offiziell Stellung beziehen. Er erklärte daraufhin, dass ihn die französischen Soldaten dazu gezwungen hätten und er sich im stummen Protest in der Sakristei während des Gebetes zu Ehren Napoleons eingeschlossen habe. Der Vorfall wurde daraufhin vom König entschuldigt.

Dressel als Schulreformator

Als Dressel 1778 sein Amt in Charlottenburg antrat, fand er in den Schulen der Stadt nicht weniger als sechs Catechismi oder Lehrbücher der christlichen Religion vor. Die Schüler waren über die gesamte Pfarrei verteilt und wurden an provisorischen Orten unterrichtet. Für eine einheitliche Lehre verfasste er daher ein eigenes Lehrbuch, welches er kostenlos verteilte.

„Ein Mann von warmen Herzen, und vielen Eifer für’s gemeine Beste, der sich mit der Erziehung der Jugend beschäftigt hat, der es herzlich gut mit Schullehrer und Schulkindern meint, aber seine Gedanken nicht recht gründlich ordnen, bestimmen und ausführen kann, und dabei von der Natur mit keiner sehr scharfen Beurtheilungskraft begabt ist. Indessen enthält doch seine kleine Schrift von den Ursachen des Verfalls der Schulen in kleinen Städten 1776 viel wahre und gründliche Bemerkungen. […]“ (Samuel Baur)

Darüber hinaus errichtete er eine zentrale Anlaufstelle für alle Schüler. 1785 legte er den Grundstein für das erste Schulhaus in der Kirchstraße, welches ein Jahr später eröffnet wurde.  Auf Dressels Forderung hin, wurde der Unterricht nach der modernen, ganzheitlichen Pädagogik Pestalozzis gestaltet. Noch heute steht das Gebäude in der Gierkezeile und gilt als das älteste Schulhaus Charlottenburgs.

1. Schulhaus Charlottenburgs

Armenpflege in Charlottenburg

Die gesundheitliche Versorgung der Armen war Dressel ein ganz besonderes Anliegen, weshalb Dressels ein spezielles Armenkrankenhaus errichten wollte. Da die Gemeinde die Kosten nicht allein zu tragen vermochte, sprach Dressel persönlich beim König vor.

„Es gibt viele alte arme Leute, die entweder gar keine oder ebenso arme Verwandte haben, als sie selbst sind. Bei den teuren Mieten können erstere oft garnicht unterkommen, und wenn sie krank und unbeholfen werden, so will sie kein Hauseigentümer wegen besorgender Feuergefahr auf den Bodenkammern dulden. Man hat sie daher dem Prediger schon halb erstarrt auf dem Rücken vor seine Türe gebracht und zur weiteren Versorgung überlassen. Wenn er dann durch alles Flehen und Bitten sie nirgends unterbringen konnte, so hat er sie entweder selbst aufnehmen oder nach der Charité in Berlin bringen lassen müssen, welches mit großen Kosten verknüpft ist. […]“ berichtete Dressel am 13.07.1789  dem jungen König Friedrich Wilhelm III.

Da jedoch eine offizielle Überprüfung der städtischen Armenpflege einen untadeligen Zustand bescheinigte, wurden keine Gelder vom Hofe bewilligt. Dressel finanzierte stattdessen den Bau durch eine von ihm eingerichtete Stiftung. Durch die unablässigen Predigten zu Gunsten der Armenpflege konnte Dressel genügend Spenden sammeln, so dass das Armenkrankenhaus seine Arbeit 1802 aufnahm.

Der Chronist Dressel

Neben seinen Tagebüchern verfasste Dressel zwei Chroniken, die ihn berühmt machen sollten: die sogenannte Pfarrchronik, die im Besitz der Luisenkirche ist, und die sogenannte Dressel-Chronik, die sich im Besitz des Bezirksamtes Charlottenburg-Wilmersdorf befindet. Beide Chroniken berichten über die Geschichte der Stadt Charlottenburg und sind in ihrer Art einzigartig.  Da beide Texte erhalten geblieben sind, gelten sie als die wichtigsten historischen Quellen zur frühen Geschichte Charlottenburgs.

„Wenn Dressel in seinen Mußestunden nicht in seinem Garten beschäftigt war, so griff er zur Feder, und zahlreiche Schriften meist kleinerer Art zeugen von dem Fleiß des unermüdlichen Mannes.“ (Gundlach, S. 228)

Zudem schrieb Dressel sechs Tagebücher. Die ersten beiden Bände befinden sich in der Königlichen Magistratsbibliothek im Verwaltungsinformationszentrum des Bezirksamtes Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin. Der erste Band berichtet über Dressels Kindheit, Jugend und Studium. Der zweite behandelt die Zeit bis zu seinem Amtsantritt in Charlottenburg. Die vier anderen Bände gelten als verschollen.

Dressel heute

Zwei Bände der Dessel’schen Lebensbeschreibungen finden sich in der Magistratsbibliothek Charlottenburg, die restlichen drei gelten als verschollen. Die beiden Chroniken umfassen die Jahre 1751-1773, also die Kindheit Dressels bis zum Ende seiner Studienzeit, sowie 1773-1778, als Dressel nach Charlottenburg kam. Darüber hinaus finden sich in der Magistratsbibliothek  noch „aufgezeichnete Nachrichten vom Ursprunge, Anbau und Vergrößerung des Königlichen Schlosses und der Stadt Charlottenburg“, welche ebenfalls von Dressel 1816 verfasst wurden. Somit entstammen gleich drei der fünf Originalhandschriften aus dem 17. und 18. Jahrhundert, welche im Besitz der Bibliothek sind, der Feder Dressels. Als lokale Größe wird dem Pfarrer Dressel vor allem in Charlottenburg gedacht.

Gedenktafel Dressel Gierkeplatz

Neben der Gedenktafel am Gierkeplatz 4 gibt es noch die Dresselstraße mit dem gleichnamigen Dresselsteg. Dieser ist recht unscheinbar, doch werden beide recht stark frequentiert. Denn der Dresselsteg überspannt die Stadtautobahn und stellt den hinteren Ausgang des Ringbahn-Bahnhofs Messe Nord/ICC dar und somit die Verbindung zum nahe gelegenen U-Bhf. Kaiserdamm dar. Seit 1950 trägt der Steg den Namen des Charlottenburger Pfarrers. Das Besondere an der Dresselstraße ist ihre geringe Länge. Die Dresselstraße ist mit 43 Metern eine der kürzesten in Berlin und hat nur vier Hausnummern.

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