Vergangen aber unvergessen: Die Deutschlandhalle

Die Deutschlandhalle war eine Mehrzweckhalle auf dem Gelände der Messe Berlin, welche verschiedensten Veranstaltungen in ihrer 77-Jährigen Geschichte Platz bot, bevor sie 2011 abgerissen wurde. Als einziger Veranstaltungsort mit ausreichender Hallengröße für mehr als 10.000 Personen in West-Berlin wurde sie ab den 1960er Jahren ausgiebig für jede Art von Großveranstaltung genutzt. Unvergessen in den Erinnerungen der Berliner weist heute nur noch ein veraltetes Verkehrsschild auf dieses historische Gebäude hin. 

1935 wurde die Deutschlandhalle für die Olympischen Spiele in Berlin 1936 zur Durchführung zahlreicher olympischer Disziplinen erbaut. Damals war sie die größte Mehrzweckhalle der Welt. In erster Linie wurde sie aber als Parteilokal für die wachsende Mitgliederzahl der NSDAP konzipiert. Die Eröffnung am 29. November 1935 fand in Anwesenheit Adolf Hitlers und Joseph Goebbels statt. Ausgelegt für 10.000-16.000 Personen hörten nicht weniger als 20.000 Menschen der Eröffnungsrede nach nur 9 Monaten Bauzeit in der Deutschlandhalle zu.

Bild: Deutschlandhalle Berlin, 1. Bau / Fotograf: unbekannt, German Federal Archives Presse- und Informationsamt der Bundesregierung – Bildbestand (B 145 Bild) Quelle: Wikimedia Commons 

Ein besonders aufregendes Kapitel der Fluggeschichte fand 1938 in der Deutschlandhalle statt: Der erste weibliche Helikopterflug. Die versierte Pilotin Hanna Reitsch ließ den Atem zahlreicher Schaulustiger in der Kolonial-Revue „Ki sua heli“ stocken, als sie unter dem 25 Meter hohen Dach eine Fw61 gekonnte über den Zuschauern schweben ließ. Testpilot Ewald Rohlfs hatte bei Probeflügen mit dem Protoyp bereits alle anderen Hubschrauberrekorde nach Deutschland geholt. 18 Mal vollführte Reitsch den Flug in der stets gut gefüllten Halle. Dabei hatte sie es nicht leicht, musste sie den Helikopter möglichst an Ort und Stelle halten. Obwohl sich herausstellte, dass die Atemluft von Zuschauern die Motorenleistung massiv herabsetzte, meisterte die Flugpionierin das Manöver gekonnt und keiner kam zu Schaden.

Hanna Reitsch (Der erste Hubschrauber in der Deutschlandhalle) – YouTube-Beitrag 

Weniger Glück hatte die Hochseilakrobatin Camilla Mayer (bürgerlicher Name: Charlotte Witte). Die Weltrekordhalterin starb 1940 in der Deutschlandhalle bei ihrem Fall aus 20 Metern Höhe, als ein Pfeiler brach.

Nur drei Jahre später stürzte die Halle nach Fliegerangriffen ein. Lange Zeit stand nur noch eine Ruine, die nach schwierigen Finanzierungsdebatten jedoch 1957 wieder aufgebaut wurde.

In Ermangelung anderer großer Event-Locations avancierte die Deutschlandhalle in West-Berlin zum Publikumsmagneten. Um auch Konzerten einen passenden Rahmen bieten zu können wurde die Halle Anfang der 1970er mit verbesserter Akkustik neugestaltet. Unter Herbert von Karajan weihten die Berliner Philharmoniker die neue Akustik anlässlich der Funkausstellung 1973 ein. Seine schlichte Garderobe wurde fortan als Karajan-Kabine bekannt.

Hinreißend musiziert – Herbert von Karajan in der Deutschlandhalle“ Kritik im Spandauer Volksblatt vom 28.09.1973.

Ab diesem Zeitpunkt dient die Deutschlandhalle wirklich jedem Zweck: Ob Konzerte, Showveranstaltungen, Vorträge, Sport-Events oder Ausstellungen. Sobald eine Großveranstaltung nicht im Freien stattfand, pilgerte man in die Halle am Funkturm. Hier wurden die große Sportereignisse, wie das Internationale Reit- und Springturnier, das berühmte Berliner Sechstagerennen, Boxkämpfe abgehalten und die Harlem Globetrotters bestaunt. Dauerveranstaltungen nutzten die Halle ganzjährig. 60 Jahre lang – von 1937 bis 1997 war die Deutschlandhalle Austragungsort der beliebten Circus-Show „Menschen-Tiere-Sensationen“. Ansonsten gab es die beliebte Eisrevue „Holiday on Ice“ oder Militär- und Blasmusik während der „Berlin Tattoo“.

Aber immer wieder fanden in der Deutschlandhalle auch geschichtsträchtige Einzelveranstaltungen statt. 1967 drückte Willy Brandt in der Deutschlandhalle auf den Startknopf fürs Farbfernsehen, hier gastierte das Bolschoi-Ballett und ein unkooperatives Berliner Publikum sabotierte in der Mehrzweckhalle den Vortrag „Jesus Christus Erlöser“ von Klaus Kinski  Statt des geplanten 90-minutigen Monologs sieht sich Kinski immer wieder von einer diskussionsbereiten Zuschauerschaft unterbrochen. Sein Vortrag wird immer wieder von gesellschaftskritischen Kommentaren aus dem Publikum gestört, Kinski muss immer wieder von Neuem beginnen, verliert mehrfach die Fassung. Erst nach der Räumung des Saales unter Polizeieinsatz kann Kinski seinen Vortrag einem standhaften kleinem Publikum gegen zwei Uhr morgens komplett präsentieren. Den Kameras hingegen war nach all der Zeit das Band ausgegangen.

Klaus Kinski Jesus Christus Erlöser komplett – YouTube-Beitrag von Ironleafs’s channel

Doch wirklich legendär wurde die Deutschlandhalle durch die in ihr stattfindenden Konzerte, welche sich trotz konstant schlechter Tonqualität Tausenden Besuchern im Gedächtnis einprägen sollten. Unzählige namhafte Konzerte fanden in der Deutschlandhalle statt. Ella Fitzgerald`s Konzert von 1960 wurde aufgenommen und kann noch heute unter dem Titel „Ella in Berlingenossen werden. Szenen aus Dawid Bowies Konzert wurde im Film „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ genutzt. Bob Dylan wurde auf seiner ersten Deutschland-Tournee 1978 in der Deutschlandhalle ausgebuht, mit Wasserbomben, Tomaten und Mehlbeuteln beworfen. Hier in der Deutschlandhalle lauschte das Berliner Publikum dem Song „After Berlin„, den Neil Young spontan vor Ort schrieb und in Berlin ein einziges Mal in seiner Karriere spielte.

Neil Young After Berlin – Neil Young 1982 – vimeo-Beitrag von David Andrade.

The Who, Jimi Hendrix, Led Zepplin, The Police, Metallica, Queen, Pink Floyd, die Rolling Stones. Die Liste könnte ewig weitergeführt werden, gaben sich hier die Künstler damals die Klinke in die Hand. Die Deutschlandhalle präsentierte den Westberlinern das Who is who der 1970er und 1980er Musikszene. Eine andere Konzerthalle gab es ja nicht.

Auf den Fall der Mauer reagierten die Organisatoren der Deutschlandhalle promt. Musiker aus Ost und West feierten bereits drei Tage nach Mauerfall in der Deutschlandhalle die Wiedervereinigung. Bei freiem Eintritt spielten Künstler wie Udo Lindenberg , Nina Hagen, Ulla Meinecke, Konstantin Wecker, Joe Cocker, Die Toten Hosen, Die 3 Tornados, Die Zöllner, Puhdys und BAP ihr „Konzert für Berlin“.

Selbst Anfang der 1990er trafen sich noch Scharen meist weiblicher Jugendlichen, um hier Konzerte der populären Boygroups Backstreet Boys, New Kids on the Block und Take That zu genießen.

1992 war Queen Elisabeth in der Deutschlandhalle mit dabei, als mit „The last Tattoo“ der letzte Zapfenstreich der britischen Truppen vor ihrem Abzug aus Berlin geblasen wurde.

1995 wurde die Deutschlandhalle zwar unter Denkmalschutz gestellt. Doch eigentlich waren die Stunden der Deutschlandhalle bereits lange gezählt. Die Technik war überholt, der Beton-Stahl-Bau in die Jahre gekommen. 1998 wurde die Deutschlandhalle aufgrund baulicher Mängel geschlossen, mangels Alternativen von 2001-2008 nochmal als Eislaufhalle reanimiert.

Mit wachsender Zahl neuerer, größerer und modernerer Austragungsorte, wie dem Velodrom, der Max-Schmeling-Halle und der o2 World, konnte die Deutschlandhalle nicht mehr konkurrieren. Instandsetzung und Modernisierung scheiterten an den veranschlagten Kosten. Daher entschied sich der Berliner Senat letztendlich trotz eingetragenem Denkmalschutz für den Abriss. Am 3. Dezember 2011 wurde das freitragende Dach, welches bei der Eröffnung eine architektonische Meisterleistung gewesen war, gesprengt und die restliche Halle in den folgenden Monaten abgetragen.

Sprengung des Dachs der Deutschlandhalle – YouTube-Beitrag von TheGerrit0815

Heute steht auf dem Gelände eine neue Mehrzweckhalle für bis zu 11.000 Besucher – der CityCube, welcher 2014 eröffnet wurde. Auf bis zu 3 Etagen gibt es modernste Messetechnik, doch Konzerte finden hier wohl keine mehr statt.

CityCube - Messe Berlin 2015

Webschmankerl & Bücherkiste

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s