Die Fratzen der Epiphanienkirche

Letztens lief ich mal wieder die Knobelsdorffstraße hoch Richtung Westend. Nach den ganzen verregneten Tagen interessierte mich dabei eher der blauen Himmel als die mir recht bekannte Umgebung. Als ich an der Epiphanienkirche vorbei kam, störte mich diese fast beim „Sonnenbadschlendern“. Noch höher den Kopf zu verbiegen hätte bestimmt affig ausgesehen und unsicher wäre das Laufen auch geworden. Also beschleunigte ich nur etwas das Tempo, um den Kirchenschatten schnell hinter mir zu lassen… und stoppte, als mich jemand von oben herab anstarrte. Kamera raus, Fassade genauer unter die Lupe genommen – und siehe da: gleich drei Fratzen zieren das Kirchengebäude.

Bisher habe ich solche Fratzen eher an älteren Kirchen und Gebäuden in Süddeutschland und im Ausland entdeckt. Aber natürlich muss man die Schutzfiguren auch suchen. Und wer schaut schon genau hin, wenn er hektisch durch die City manövriert?

Jetzt hab ich also gleich drei Fratzen bei mir um die Ecke entdeckt. Und wenn man sich Bilder von damals ansieht, so befinden sich diese an einem der ältesten Teile des Kirchenbaus und sind damit etwas über 100 Jahre alt.

Bild: Fotografie einer historischen Aufnahme, die sich im Gemeindebüro befindet / Autor: Bodo Kubrak, 12. Oktober 2012 / Quelle: Wikimedia Commons.

 

Natürlich kam als nächstes die Frage auf, welche Bedeutung diese Fratzen haben. Dabei stieß ich bei meiner Recherche darauf, dass solche Fratzen auch Neidköpfe genannt werden.

Neidkopf

Neidköpfe sind volkstümliche Fratzen, die an Gebäude angebracht wurden um Unheil und Böses abzuwehren. Besonders häufig findet man sie an der nach Westen ausgerichteten Gebäudeseite. Denn in vielen Kulturen kommen Dämonen aus dem Westen.

„Im Westen geht die Sonne unter, der Tag und das Leben enden. Dort ist Tod, Dunkelheit, Kälte und das Totenreich angesiedelt.“ (Symbollexikon)

Mit dem richtigen Begriff erinnerte ich mich auch wieder an eine längst vergangene Geschichte. Im Fall der Neidköpfe assoziierte ich den Terminus mit einem Schulbesuch im Märkischen Museum. Dort wurde uns damals auch der sagenumworbene Neidkopf aus Alt-Berlin gezeigt. Der Legende nach sollte dieser auf königliche Order am Haus eines Goldschmiedes angebracht worden sein.

Bild: Neidkopf, Anfang 18. Jht., Berlin Heiliggeiststr. 38, jetzt Märkisches Muesum Berlin, Autor: Anagoria, 16.02.2013 Quelle: Wikimedia Commons.

Ob dieser Neidkopf noch immer im Museum ausgestellt ist, weiß ich nicht. Stattdessen fand sich im Regal mühelos das Sagenbuch und mit dem passenden Titel auch ohne langes Suchen die fast vergessene Sage.

Berliner Sage – Der Neidkopf

„König Friedrich Wilhelm der Erste ging gern in den Straßen Berlins umher, um das Leben und Treiben der Einwohner zu kontrollieren. Besonders gefiel es ihm wohl, wenn er alles recht geschäftig und fleißig fand. So trat er auch einst in die ärmliche Hütte eines Goldschmieds in der Heiligengeiststraße, den er schon mehrere Male bis zum späten Abend tätig gefunden hatte, an dem er aber auch zu gleicher Zeit bemerkt hatte, dass er bei rastloser Arbeit nur wenig vorwärts kam. Der König ließ sich nun in ein Gespräch mit dem Manne ein und erfuhr, dass er gern noch mehr arbeiten würde, wenn es ihm nicht gar zu oft an Gelde fehlte, das nötige Gold und Silber zu kaufen. Da befahl ihm der Monarch, ein goldenes Service zu fertigen und ließ ihm dazu das Metall aus der Schatzkammer liefern. Mehrmals besuchte er ihn nun während der Arbeit, und freute sich über die Geschicklichkeit und den Fleiß des Mannes; als er so auch eines Tages bei ihm weilte, bemerkte er an einem Fenster des gegenüber gelegenen Hauses zwei Frauen, die dem Goldschmied, der am offenen Fenster arbeitete, sobald er nur aufsah, die abscheulichsten Gesichter zogen. Auf sein Befragen erfuhr er, dass dies die Frau und Tochter eines reichen Goldschmieds seien, die ihm ihren Neid über sein unverhofftes Glück auf diese sonderbare Weise kund gäben. Da beschloss der Monarch die Missgunst derselben zu strafen, indem er dem Goldschmied nach einiger Zeit ein ganz neues Haus bauen und an demselben den Neidkopf anbringen ließ, so dass sie nun, wenn sie aus dem Fenster sahen, das Bild ihrer eigenen verzerrten Züge stets in demselben erblicken konnten. Dieser Neidkopf ist nämlich der Kopf einer Frau, den Schlangen statt der Haare umwinden, und in den Zügen desselben ist Neid und Missgunst auf die widrigste Weise ausgeprägt. Das Haus, welches der König dem Goldschmied bauen ließ, sowie der daran angebrachte, aus Stein gemeißelte Kopf stand in der Heiligengeiststraße Nummer 38.“ (Motzbuch)

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