Ausstellung: Frauensache

Seit ich im Frühling die pinken Sockel am Schloss Charlottenburg erstmals entdeckt habe, war ich auf die Eröffnung der Ausstellung „Frauensache. Wie Brandenburg Preussen wurde“ gespannt. Am 22. August 2015 war es dann soweit. Die Ausstellung öffnete endlich ihre Pforten. 

In insgesamt fünf Etappen wird erstmals die vielseitige Geschichte der Hohenzollern mit dem Fokus auf die Hohenzollernfrauen präsentiert. Entsprechend ambitioniert präsentiert sich die Ausstellung „Frauensache“ in fünf Räumen. Jeder einzelne widmet sich ganzheitlich über 500 Jahre Geschichte einem anderen thematischen Blickpunkt. Zentrales Element ist dabei die Vielseitigkeit der Räume, in welchen sich die Hohenzollernfrauen niederließen. Entsprechend präsentiert sich jeder Themenkomplex in einem anderen Raum, in welchem der Besucher wiederum kleinere „Räume“ findet.

Wegmarken

Allein der erste Raum begrüßt den interessierten Besucher gleich mit 12 Wegmarken in der Geschichte der Hohenzollern. Wer mit dieser Dynastie noch nicht vertraut ist, gewinnt einen ersten Einblick anhand von 24 Ausstellungsstücken. Allein die Liste der Herrscherpaare listet 30 Frauen auf. Töchter, erneute Eheschließungen und Geliebte nicht berücksichtigt. Schnell wird klar, dass es viele Familienmitglieder gab, die ihren Teil zum Erfolg der Hohenzollern beigetragen haben. Kurz vor Verlassen des ersten Ausstellungsraumes wird der Fokus jedoch noch einmal deutlich. Eine Videoinstallation stellt mit Hilfe mehrerer Karten fünf Frauen kurz vor, welche das Herrschaftsgebiet der Hohenzollern zum größten Territorium in Deutschland werden ließen.

Netzwerke

Netzwerken ist keine moderne Erfindung, wie dies im zweiten Raum der Ausstellung anschaulich demonstriert wird. An „ausgewählten Dynastien“ möchte dieser Ausstellungsraum diesen Fakt belegen. Gleich in sieben Nischen begegnet man namhaften historischen Geschlechtern, welche ihr Netz auch in der Raumgestaltung  zu einem prunkvollen Geschenktisch im Zentrum ausbreiten. Das gezeigte Beilagerbett an der Stirnseite des Raumes lässt dabei keinen Zweifel, wie die Hohenzollernfrauen politische Ziele und Möglichkeiten erreichten: Durch geschickte Heiratspolitik.

Spielräume

Welche anderen Spielräume sich den Frauen boten, gilt es im dritten Raum zu erkunden. Fünf wichtige Lebensetappen, welche den großen Raum in kleinere Vitrinenräume unterteilen, werden dargestellt. Man erfährt in diesem Raum, wie die einzelnen Hohenzollernfrauen ihr Leben lebten und sich dieses auf ihre Familie, ihre Untertanen und ihr Land auswirkte. Schon beim Eintreten bekommt man den Eindruck, dass zahlreiche Exponate Zeugnis ablegen können, wie vielseitig die Spielräume und ihre Benutzung durch die Hohenzollernfrauen waren. Die Raumhohen Vitrinen unterteilen das Thema geschickt in fünf Lebensabschnitte.  Zudem findet sich an den drei Wänden noch jeweils ein Lebensweg, den jede Frau für sich persönlich entscheiden musste: Anpassung oder Abgrenzung, Pflicht oder Liebe, Politik oder Kunst?

Geschichtsbilder

Gelangt man in den vierten Ausstellungsraum, so ist man nach der Fülle im letzten Raum gleichzeitig überrascht und erfreut über diesen überschaubaren Raum. Gerade einmal fünf Seiten im Begleitheft, 14 Exponate und zwei Audiokommentare stehen einem zum Thema „Geschichtsbilder“ zur Seite. Dabei vermittelt gerade dieser Raum eine maßgebliche Nachricht: Geschichtsbilder ändern sich.

Die Historiker des 19. und 20. Jahrhunderts etablierte eine auf Männer zentrierte Geschichtsschreibung. Durch eine entsprechend fokussierte Gedenkkultur verbreitete sich ein Geschichtsbild, in welchem die Rolle der Hohenzollerinnen für die Dynastie in Vergessenheit geriet.

Weichenstellungen

Nach der kurzen Erholungsphase geht es jedoch umso intensiver weiter. Im letzten Raum, der von den Kuratoren dankenswerter Weise in sechs kleinere Räume unterteilt wurde geht es um die Weichenstellungen in der Geschichte der Hohenzollern. Die Oberthemen Glaube, Territorium, Image und Politik werden anhand von vier Einzelbiographien vorgestellt. Zwei weitere Abschnitte befassen sich mit den Themen „Frauen uniformieren das Bild Preussens“ und „Frauen bauen Berlin“. Statt von der Fülle an Exponaten erschlagen zu werden, kann man die einzelnen sechs Räume  – mit genügend Zeit – entspannt durchschreiten und so nach und nach den Einfluss der Frauen entdecken, wenn es darum ging politische Entscheidungen zu treffen und die entsprechenden Weichen zu stellen.

Erster Eindruck

Für 14 Euro (10 Euro ermäßigt) hat die Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten mit „Frauensache“  nicht nur für Besucher eine interessante Ausstellung zusammengestellt. Sie zeigt darüber hinaus, dass Museen heute Ausstellungen so konzipieren, dass die Geschichtsforschung im allgemeinen und Genderforschung im speziellen auch unter vielen verschiedenen Perspektiven betrachtet werden kann.

Im Hinblick auf das zentrale Thema „Frauen“ fanden sich allein für diese Ausstellung in den 500 Jahren Geschichte der Hohenzollernfamilie eine Vielzahl von möglichen Exponaten. Ich kann mir kaum vorstellen, wie schwer der Entscheidungsprozess war, diese auf die knapp 200 gezeigten Exponate zu reduzieren. Die zahlreichen Exponate zeigen in insgesamt 5 Themenräumen jeweils multible Perspektiven auf die Frauengeschichte(n) der Hohenzollern auf. Ergänzt wird die Ausstellung durch einen liebevoll gestalteten Audioguide, der neben zahlreichen Fakten  auch kleine Anekdoten zu rund 40 Exponaten bereit hält.

Im Mittelpunkt steht jedoch das fast 80 Seiten umfassende Objektheft. Ohne dieses ist man in der Ausstellung (fast) verloren.

Hier ein Beispiel, damit deutlich wird, was ich mit Informationsfülle meine.

Im Raum „Netzwerke“ findet sich in der Nische „Die Welfen“ unter anderem das folgende Bild:

Bild: Friedrich Ludwig von Hannover, Prinz von Wales, musiziert mit seinen Schwestern
Autor: Philipp Mercier, 1733, Öl auf Leinwand, London, National Portrait Gallery, Quelle: Wikimedia Commons

Das Objektheft gibt hierzu die folgende Beschreibung

„Der Prinz von Wales ist eng mit den Hohenzollern verwand. Seine Tante, die Königin von Preußen, will die Verbindung stärken: Der Prinz soll ihre Tochter Wilhelmine, ihr Sonh Friedrich (II.) Prinzessin Amelia – hier mit Buch – heiraten. Dieses rein dynastische Projekt scheitert an den politischen Realitäten.“

Zusätzlich gibt es zu diesem Gemälde auch noch einen Audioguide, der einem in etwa folgendes vermittelt:

„Hier sieht man den Prinz von Wales selbst musizieren, wie es typisch für die deutsche Sitte war. Erinnert er nicht an seinen preußischen Verwandten, den späteren Friedrich (II.) den Großen? Die Welfen und Hohenzollern waren sehr eng miteinander verbunden. Die Brüder der ersten beiden preußischen Königinnen werden englische Könige. Gezeigt werden Anna, Amalia, Frederic und Caroline. Queen Caroline, als Caroline von Brandenburg-Ansbach in Berlin aufgewachsen, hat die Idee einer Doppelhochzeit. Die gemeinsam mit Königin Sophie- Dorothea von Preußen ersonnene Heiratspolitik scheitert jedoch.“

So zeigt allein dieses Bild recht verwobene dynastische Beziehungen, die man nachlesen muss. Das Gemälde an sich ist mehr als einen Blick wert, zeigt es doch mehr als „nur“ drei Frauen und einen Mann. Und dabei handelt es sich nur um eines der 200 gezeigten Ausstellungsstücke.

Freimütig hatte ich für den Besuch der Ausstellung vier Stunden eingeplant. Jeder Raum, den ich betrat, verfügte über mehrere Sitzplätze. Auf diesen ließ ich mich erst einmal nieder und las mich durch die Objektbeschreibungen für das jeweilige Oberthema. Für viele Exponate fehlte mir persönlich das nötige Hintergrundwissen und bei den zahlreichen und oftmals auch wiederkehrenden Frauen- wie Männernamen musste ich für eine zeitliche Einordnung des öfteren die Liste der brandenburg-preussischen Herrscherpaare zu Rate ziehen. Anschließend ging ich mit meinem neu gewonnenen Einblick durch den jeweiligen Ausstellungsraum. Nach zwei Stunden fiel es mir zusehens schwerer, mich zu konzentrieren, die Objektbeschreibungen in mich aufzunehmen und dabei meine eigenen Fragen an die Ausstellung zu beantworten.

Im dritten Raum musste ich dem unweigerlich Tribut zollen: Auf halben Wege informierte man mich, dass die Ausstellung in 10 Minuten schließen würde. Noch zwei Räume standen mir bevor und das Objektheft hielt dazu noch 22 Seiten zur Verfügung.

Entsprechend schwankte mein erster Eindruck zwischen „Wow“ und „Uff“-Gefühl. Die Ausstellung zeigt eindeutig mehr, als man an einem Tag in sich aufnehmen kann. Allein für die ersten beiden Räume brauchte ich rund zwei Stunden. Doch beim Betreten des dritten Raumes wurde ich fast von der Vielzahl und Vielfalt an Exponaten erschlagen. Besonders der dritte Raum wäre meines Erachtens für sich allein einen Besuchstag wert, den man ohne aufkommende Langeweile dank seiner vielseitigen Gestaltung stundenlang erkunden kann. Ich selbst verbrachte ohne es zu bemerken zwei Stunden in diesem. Daher konnte ich bei meinem ersten Besuch durch die letzten beiden Räume nur noch einen schnellen Blick riskieren. Hierbei bestätigte sich meine Vorahnung, dass die Ausstellung auch weiterhin genügend Material für einen erneuten, längeren Besuch bereithalten würde.

Also nahm ich mir später noch mal einen kompletten Tag Zeit, ging dank des Objektheftes bereits informationstechnisch vorbereitet durch die letzten beiden Räume und fand nach einer kurzen Verschnaufpause auch noch einmal genügend Aufnahmekraft den ersten drei Ausstellungsräumen nochmals einen gezielteren Besuch abzustatten.

Persönliches Fazit

Die zusammengetragenen Exponate und Fakten belegen eindeutig, dass die Hohenzollernfrauen keine geschichtliche Randnotiz gewesen sind. Nicht nur wurden die Exponate liebevoll zusammengestellt, sondern thematisch vielschichtig sortiert.  Dabei zeigt sich auch eindeutig, wie schwer es ist, ein Thema umfassend und dennoch geradlinig zu konzipieren. Durch die Einrichtung der einzelnen Themenräume haben die Kuratoren dieser Ausstellung eindeutig einen Versuch unternommen. Mit Hilfe der Raumgestaltung wird gezeigt, dass es hierbei aber nur bei einem Versuch bleiben kann. Denn jedes Thema eröffnet erneut eine Vielzahl an Unterthemen, die berücksichtigt und dargestellt werden wollen und werden.

Ein Museumsbesuch sollte natürlich immer vorbereitet angegangen werden. Meist lässt man das Museum als Ganzes auf sich wirken, entdeckt bestimmte Exponate für sich oder man findet sich gezielt bei einem Ausstellungsstück oder Abschnitt ein, auf welches man persönlich einen Schwerpunkt setzt. Anders bei einem Ausstellungsbesuch. Hier geht man meist davon aus, dass ein spezielles Thema behandelt wird, dass man anhand seiner Exponate auch ohne größere Vorbereitung auf sich wirken lassen kann. Alle notwendigen Informationen hält dann eine Schautafel, ein Audioguide oder ein Programmheft bereit.

Die Ausstellung „Frauensache“ präsentiert sich auf jeden Fall als eine Verbindung von beidem. Die Ausstellung „Frauensache“ ist temporär und setzt sehr stark auf das Objektheft. Große Schautafeln findet man nur selten und die kleineren Objekttafeln sind auf die wichtigsten Informationen reduziert. Dennoch versucht die Ausstellung die Geschichte der Hohenzollern anhand von Exponaten unter dem Fokus der Frauen darzustellen und wird so zu einem großen Museumsort. Sie bietet einem nicht nur einen großartigen Überblick über die Geschichte der Hohenzollern aus der Perspektive auf deren Frauen, sondern thematisiert dabei so viele verschiedene Aspekte von Geschichte, dass ein mehrfacher Besuch meines Erachtens ratsam ist.

Entsprechend ist eine gewisse Vorbereitungszeit oder in meinem Falle die zeitgleiche Informationsgewinnung anhand des Objektheftes für den Besuch der Ausstellung mit einzuplanen. Es gibt so viel zu sehen, dass einem schnell der Kopf schwirrt. Jedem Besucher kann ich nur raten, sehr viel Zeit mitzubringen und die Ausstellung gut ausgeruht und mit freiem Kopf zu besuchen. 500 Jahre Geschichte mit über 200 gezeigten und ausführlich beschriebenen Exponaten, die einem in 5 Themenräumen jeweils multible Perspektiven auf die Frauengeschichte(n) der Hohenzollern bieten, sind an einem Tag auf jeden Fall nur für versierte oder ambitionierte Besucher zu schaffen. Für alle, die sich die Ausstellung in Ruhe ansehen möchten:

Die Ausstellung wird noch bis zum 22. November 2015 im Theaterbau des Schloss Charlottenburg  gezeigt.

Für Schulklassen stellt die SPSG zudem eine angeleitetes, 90-minütiges Programm und einen Kinderaudioguide zur Verfügung.

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Öffnungszeiten: außer Montag  täglich 10-18 Uhr (letzter Einlass 17 Uhr)

Eintrittspreis: regulär 14€, ermäßigt 10 €  (Audioguide und Objektheft sind inkludiert)

Weitere Informationen zur Ausstellung finden sich in den aktuellen Informationen der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten.

Weitere Standorte
Neben der Ausstellung “Frauensache” im Theaterbau vom Schloss Charlottenburg präsentieren sich das Schloss Sanssouci, Schloss Schönhausen, Schloss Glienicke und der Neue Flügel Charlottenburg von Ostern bis zum 1. November 2015 als authentische Handlungsorte der Hohenzollerinnen.  Diese “Frauenräume” zeigen sich mit folgenden Themen:
  • Schloss Sanssouci: Königin Elisabeth – Frauenleben in Friedrichs Männerschloss
  • Schloss Schönhausen: Eine generationsübergreifende Liebesgeschichte am Hof von Königin Elisabeth Christine
  • Neuer Flügel, Charlottenburg: Fürstin Liegnitz, die vergessene Nachfolgerin Königin Luises
  • Schloss Glienicke: Der illustre Kreis von Prinzessin Marie von Preußen

Webschmankerl

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