Die Weltbühne

Am Lietzensee in der Wundtstraße 65, direkt an der Hausecke zur Herbarthstraße, findet sich diese Gedenktafel. Sie erinnert an die Redaktion der „Weltbühne“, welche von 1921 bis 1927 hier ansässig war. Als reine Theaterzeitschrift wurde die Weltbühne unter dem Namen „Die Schaubühne“ von Siegfried Jacobsohn gegründet und erschien am 7. September 1905 zum ersten Mal. Bis 1913 öffnete sich die Wochenzeitschrift auch den Themen Politik, Kunst und Wirtschaft, so dass sie ab 1918 Heft 14 in „Die Weltbühne“ umbenannt wurde. 

Jacobsohn will mit seiner „Schaubühne“ „Regisseur einer gedruckten Bühne [sein], wo jeder sagen kann, was ihm die anderen Blätter aus Dummheit oder Feigheit verwehren.“

Ab 1908 findet sich der Verlag in der Lietzenburger Straße 60 erstmals in Charlottenburg. Von 1912 bis 1921 situiert sich die Redaktion in Jacobsohns Wohnung in der Dernburgstraße 25 (heute 57) am anderen Ende des Lietzensees. Im Februar zieht man in den Königsweg 33 um, nur um kurz darauf in die Herbarthstraße zu wechseln.

SiegrfriedJacobsohn_Dernburgstr

Durch den Tod Jacobsohns im Dezember 1926 übernimmt Kurt Tucholsky die Leitung, muss diese Aufgabe aber bereits im Mai 1927 abgeben. Neuer Leiter wird daraufhin Carl von Ossietzky. 1927 zieht die Redaktion erneut um. Die neue Adresse liegt in der Kantstraße 152.

Zum 25-jährigen Bestehen schreibt Tucholsky „Solange die Weltbühne die Weltbühne bleibt, solange wird hier gegeben, was wir haben. Und was gegeben wird, soll der guten Sache dienen: dem von keiner Macht beeinflussenden Drang, aus Teutschland Deutschland zu machen und zu zeigen, daß es außer Hitler, Hugenberg und dem fischkalen Universitätstypus des Jahres 1930 noch andre Deutsche gibt.“

„Die Weltbühne“ erscheint zum letzten Mal am 7. März, da die Zeitschrift als Forum der radikaldemokratischen bürgerlichen Linken gilt, und daher nach dem Reichstagsbrand verboten wird.

Bis 1939 wird sie noch als „Die neue Weltbühne“ aus dem Exil weitergeführt.

Rund 2500 Autoren schrieben von 1905 bis 1933 für die Zeitschrift, die vor allem durch ihr rotes Layout ins Auge stach.

Die Weltbühne_SammlungBuchladen_Platane

Selbst zu Spitzenzeiten wurde die Weltbühne in einer geringen Auflage von rund 15.000 Exemplaren veröffentlicht. Doch publizistisch war sie von hohem Kaliber, befanden sich unter den Autoren doch literarische Größen wie Else Lasker-Schüler, Erich Kästner oder Arnold Zweig.  Die Radikalität und Offenheit der Weltbühne-Positionen waren ein Grund dafür, dass sie innerhalb von Journalismus und Politik trotz der geringen Auflage sehr aufmerksam wahrgenommen wurden. „Spiegel“-Begründer Rudolf Augstein wertet sie als die „für den Weimarer Staat typischste periodische Hervorbringung“ (Aus Teutschland Deutschland machen, S. 13)

Die Weltbühne wurde durch die Aufdeckung einiger hochbrisanter Vorgänge berühmt. Darunter die Fememorde der Schwarzen Reichswehr oder die heimliche Aufrüstung der Reichswehr, welche zum sogenannten Weltbühne-Prozess führten, der sowohl im In- als auch im Ausland großes Aufsehen erregte.

Die grosse Zeit der Lüge“ von Helmut Gerlach 1926 und „Verschwörer und Fememörder“ von Carl Mertens gehören beide zu im Nationalsozialismus verbotenen Publikationen aus dem Verlag der Weltbühne.

Der inkriminierte Artikel von Flugzeugkonstrukteur Walter Kreiser wurde unter dem Pseudonym Heinz Jäger am 12. März 1929 in der Weltbühne unter dem Titel „Windiges aus der deutschen Luftfahrt“ veröffentlicht und erlangte das Missfallen der Reichswehr.

Auch der von Tucholskys in der Weltbühne abgedruckte Satz „Soldaten sind Mörder“ führte zu einer Anklage Ossietzkys, welcher zum damaligen Zeitpunkt Herausgeber der Zeitschrift war.

Laut Wehler habe die Weltbühne von einer „gesinnungsethisch linke(n) Position“ die Weimarer Republik – „manchmal zu Recht“, gewiss – „noch häufiger aber gnaden- und alternativlos kritisiert“. […]“ Aus historischer Perspektive“ aber, so urteilt der Geschichtsforscher aus Bielefeld, habe die Weltbühne mit einer „tendenziell destruierenden Wirkung“ besonders unter ihrem letzten Redakteur Carl von Ossietzky zu der „inneren Aushöhlung und Auflösung jener immer heftiger geschmähten Republik“ beigetragen. (Hans-Ulrich Wehler, S. 14-15.)

Webschmankerl & Bücherkiste

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s