Ausstellung: Gräfin Lichtenau

So nass, wie der Herbst sich zu Beginn präsentiert hat, suchte ich in den letzten Wochen vor allem nach trockenen Plätzen, über die ich berichten kann. Ein solcher ist auf jeden Fall die Villa Oppenheim mit ihrer Dauerausstellung „Westen!„. Seit 28. August bietet das Heimatmuseum eine Sonderausstellung speziell zur Gräfin Lichtenau, mit welcher die große Präsentation der „Frauensache“ im Schloss Charlottenburg thematisch ergänzt wird.

Die Gräfin mag manch einem unter ihrem bürgerlichen Namen Wilhelmine Enke, dem höfischen Namen Madame Ritz oder unter dem Beinamen „Pompadour Preußens“ bekannt sein, doch zeigt die Villa Oppenheim eindrucksvoll, dass die Gräfin Lichtenau mehr war, als nur die Mätresse Friedrich Wilhelms II.

Der sozio-kulturelle Kosmos der Gräfin Lichtenau

1796 erreichte die Gräfin Lichtenau den Zenit ihrer gesellschaftlichen Anerkennung und „die intellektuelle Elite Europas suchte ihre Nähe“. Die Künstlerin Angelika Kauffmann und die Malerbrüder Hackert scharen sich ebenso um sie, wie der Archäologe Aloys Hirt (Mitbegründer der Berliner Museen) oder der Exzentriker Lord Bristol. Auch mit dem Berliner Who-is-Who, mit Größen wie Friedrich Gilly (Lehrer Schinkels), Johann Gottfried Schadow (Quadriga) und Carl Gotthard Langhans (Brandenburger Tor) ist sie gut bekannt.

Diesen Kosmos hat die Villa Oppenheim wunderbar umgesetzt. Zwölf Persönlichkeiten aus der damaligen Kunst- und Kulturszene umgeben die Büste der Gräfin. Hinter den Portraits finden sich dann Informationen zur jeweiligen Person.

„…beste Freundin“ – Die Korrespondenz von Wilhelmine Enke und Friedrich Wilhelm

Zwar war Friedrich dem Großen eine feste Mätresse für den Kronprinzen lieber, als das Risiko zahlreicher Seitensprünge, doch so wirklich zufrieden war der Alte Fritz mit der Liaison „Wilhelmine & Wilhelm“ nicht. Zu Lebzeiten mussten sich die beiden daher heimlich treffen. Da dies nicht immer möglich war, kommunizierten sie ausgiebig mittels Kurznachrichten – also handgeschriebenen Briefchen. In diesen tauschte sich das Paar über fast jedes Thema aus: von Kunst und Literatur bis hin zu intimeren Dingen. Während Friedrich Wilhelm die meisten Briefe verbrannte, um sie vor neugierigen Blicken zu schützen, hob Wilhelmine viele auf. Die Villa Oppenheim hat für ihre Ausstellung die Briefschatulle der Gräfin geöffnet und erweckt an einer Audiostation Teile der Korrespondenz zum Leben.

Hörstation_GräfinLichtenau

Nur noch ein Bild – Palais und Garten in Charlottenburg

In unmittelbarer Nachbarschaft zum Schloss Charlottenburg erschuf sich die Gräfin Lichtenau ein eigenes Palais mit Garten. Ihr Geliebter konnte ganz bequem und diskret über den Wasserweg zum Stelldichein gelangen.

Palais Ritz in Charlottenburg

Palais Ritz um 1800 Radierung als Hotel de Monsieur le Baron de Eckardtstein à Charlottenbourg. Wandbild der Ausstellung „Ein Leben für die Liebe & die Kunst“ in der Villa Oppenheim

Heute ist das Areal komplett bebaut und das Palais schon lange Geschichte. Doch nach Auskunft des Kurators der Ausstellung „Frauensache – Wie Brandenburg Preußen wurde“, gehörte Madame Ritz damals das gesamte Areal an der Spree zwischen dem Schloss bis zur verlängerten Wilmersdorfer Straße! Von all dem ist heute nur noch diese Radierung erhalten geblieben.

Wilhelmine Enke – Ausstellung über eine bürgerliche Adelige

Stadträtin Dagmar König (CDU) freut sich, dass über die „impulsive, selbstbewusste Frau und ungewöhnliche Persönlichkeit ihrer Zeit“ durch Zeugnisse aus ihrer Zeit mehr zu erfahren ist, als dass sie eine preußische Mätresse war. Die Gräfin Lichtenau hatte nicht nur ein bis heute faszinierendes Leben, sondern noch viele weitere Facetten und einen nicht unterschätzbaren Einfluss auf ihren Gönner, Geliebten und Freund Friedrich Wilhelm II..

„So kurz die Regierungszeit Friedrich Wilhelms II. auch gewesen ist, für die frühklassizistische Kunst und Architektur in Preußen waren es elf entscheidende Jahre. In ihnen entstanden mit dem Marmorpalais und dem Neuen Garten, der Pfaueninsel und den Winterkammern im Schloss Charlottenburg heute sehr geschätzte Bauten“, so Museumsleiterin Witt.

Unter Museumsfachleuten ist schon seit langem bekannt, das insbesondere die Gestaltung der Innenräume der königlichen Schlösser in Berlin und Potsdam Wilhelmine von Lichtenau zu verdanken sind.

Die Ausstellung zeigt neben der „Mätresse“ nun auch andere Facetten und Etappen des Lebens der Wilhelmine Enke von ihrer Geburt 1752 bis zu ihrem Tod 1820.

In der Villa Oppenheim

Die Ausstellung „Gräfin Lichtenau. Ein Leben für die Liebe & die Kunst“ findet noch bis zum 13. März 2016 in der Villa Oppenheim statt.

Für Sammler und Geschichtsinteressierte gibt es eine begleitende Broschüre, in welcher sich alle Texte und Abbildungen vieler Ausstellungsstücke finden lassen. Diese kann am Eingang für 2 Euro erworben werden.

GräfinLichtenau_Ausstellungsheft

Die Villa Oppenheim befindet sich in der Schloßstraße 55. Das Gebäude steht nicht direkt an der Schloßstraße, sondern ist über den Otto-Grüneberg-Weg zu erreichen.

Geöffnet ist dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr sowie am Wochenende von 11 bis 17 Uhr.

Der Eintritt ist frei. Auf Nachfrage ist das Fotografieren ohne Blitz erlaubt.

Webschmankerl & Bücherkiste

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