NORA-Radios – Zum Geburtstag des Radios

Vor 92 Jahren, am 29. Oktober 1923 um 20 Uhr wurde mit der „Radio-Stunde“ von Hans Bredow das Deutsche Radio in der Potsdamer Straße 4 geboren. Was das Haus im Vorschaubild damit zu tun hat? Zwar wurde damals gesendet, doch gab es nicht einmal 500 Radioempfänger, welche die Sendungen empfangen konnten. Ein Markt, in welchen auch Manfred Aron einzusteigen gedachte. Er stellte in Charlottenburg die NORA-Radios in der Wilmersdorfer Straße (Haus im Foto) und am Charlottenburger Ufer her. 

Ende 1923 begann Manfred Aron mit der Fabrikation von Rundfunkgeräten unter der Markenbezeichnung „NORA“ und baute die von seinem Vater Hermann übernommene Firma zu einem der größten deutschen Radiohersteller aus. Mit Erfolg, denn 1926 gab es bereits mehr als 1 Million Radios in deutschen Haushalten – viele davon tragen den Namen NORA.

Der Hauptsitz der Firma befindet sich in der Wilmersdorfer Straße Ecke Bismarckstraße, ein fünfstöckiges Fabrikgebäude in welchem seit 1900 bereits von Hermann Aron Elektrizitätszähler hergestellt werden. Der Junior übernimmt ab 1909 die Leitung der Geschäfte und eröffnet neben der Stammproduktion von Stromzählern eine Abteilung für die neue Radiotechnik. Die Tochterfirma wird 1929 als „Nora-Radio GmbH“ selbstständig und stellt ab 1927 mit Röhren ausgestattete „Nora-Radios“ her.

Am Charlottenburger Ufer 16a/17a eröffnet 1929 eine Zweigstelle und das Dachgeschoss im Hauptgebäude an der Wilmersdorfer Straße 39 wird als Forschungs- und Testlabor für Radioapparate ausgebaut. Gleichzeitig erfolgt die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft. Das Radiogeschäft macht damals bereits 55 Prozent des Umsatzes aus. NORA befindet sich auf Platz 4 der deutschen Radiohersteller, gleich nach Telefunken, Saba und Mende.

Zuerst besteht die Bedienungsfrontseite aus einer Hartgummiplatte, doch Anfang der 1930er Jahre kommen die Nora-Radios im Bakelitgehäuse auf den Markt.

Bilder aus der Privatsammlung von Ralf Kläs „Antik-Radio“

1932 beschäftigt das Unternehmen 3300 Mitarbeiter zur Herstellung von Radios, Radio-Bauteilen und Zubehör wie Lautsprechern und Kopfhörern.

Besondere Bedeutung erlangt NORA im Bereich der Kofferempfänger, zum Beispiel mit dem „Olympia-Koffer 37“.

OlympiaKoffer37_NORA

Werbeplakat Olympia-Koffer 37 bei imperatorrex.de

Aber auch bei den Musikschränken ist NORA von Anfang an mit dabei und stellt bereits 1929 auf der Internationalen Funkausstellung sein Modell „Noracord“ vor.

Noracord_Musikschrank

Musikschrank Noracord W500 (1932).  Abb. 6 von Uwe Ronneberger

Doch Manfred Aron ist jüdischer Abstammung und auch der umgekehrte Firmenname NORA kann dies nicht verbergen.

Manfred Aron wird von den Nationalsozialisten unter Druck gesetzt, mehrfach von der Geheimen Staatspolizei verhaftet und verkauft schließlich 1935 als Mehrheitsanteilseigner die von seinem Vater gegründete Firma sowie alle  Tochterunternehmen an die Deutsche Bank. Nach seiner Ausweisung 1941 emigriert er mit seiner Familie in die USA, während die Firma von Siemens Schuckert übernommen wird. Das arisierte Unternehmen nennt sich fortan Heliowatt-Werke.

1943 geht nach einem Luftangriff die Fabrikationsstätte am Charlottenburger Ufer in Flammen auf und auch das Hauptwerk in der Wilmersdorfer Straße brennt bei Straßenkämpfen vollständig aus. Dennoch verfügt das Unternehmen der Aron Elektrizitätswerke GmbH 1944 über 5000 Beschäftigte, die nicht aufgeben.

Der Betrieb wird 1947 wieder aufgenommen:  „Nach vollständiger Zerstörung ist der Wiederaufbau der NORA Werke voll im Gang“ zeigen erste Inserate in Zeitschriften. 1948 erscheinen die ersten Nachkriegsgeräte in Katalogen.

Produziert wird scheinbar mit einigem Erfolg, bedenkt man, dass 1956/57 an selbiger Stelle ein neues Verwaltungsgebäude entsteht.

Wilmersdorfer Straße Ecke Bismarckstraße 2015

Wilmersdorfer Straße Ecke Bismarckstraße 2015

Das vom Berliner Architekten Siegfried Fehr und der Siemens Bauunion GmbH erbaute neue Verwaltungsgebäude des nun unter dem Namen Heliowatt AG arbeitenden Betriebs in der Wilmersdorfer Straße 39 ist ganz nach modernem Trend ein Stahlbeton-Mauerwerksbau mit flachem Dach, rot verklinkerten Fensterbrüstungen und vertikalen Betonbändern zwischen den Fenstern.

Doch nicht nur die Konkurrenz ist groß. Nach Beendigung der Baumaßnahmen führt Siemens die Produktionszweige Radio und Fernsehen weiter. Der Name Siemens verkauft sich inzwischen besser. Die letzten NORA-Radiogeräte werden 1959 gefertigt.  In der Wilmersdorfer Straße wird nun nur noch Mess- und Regelungstechnik hergestellt, wie zu Beginn 1883 am Reichpietschufer. Im September 1996 schließt die Heliowatt AG endgültig ihre Türen.

Zwar gehört die Wilmersdorfer Straße nicht mehr zu meinem engeren Kiezgebiet, doch passt die Radiogeschichte nicht nur zum heutigen 92. Geburtstag. Mit der Produktionsstätte am Charlottenburger Ufer ist sie – trotz bildlichen Mangels meinerseits – auch ein Teil der Geschichte der Altstadt Charlottenburg.

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