Vergangen aber unvergessen: Die AVUS Rennstrecke

1886 markiert mit dem Benz Patent-Motorwagen Nummer 1 das Geburtsjahr des modernen Automobils. Eine ganze Reihe an Autogeschichte(n) findet sich hier in Charlottenburg: Am Kaiserdamm 97 wohnte von 1934 bis 1943 August Horch, der Automobilkonstrukteur und Begründer von „Horch“ und „Audi“. Auch das Traditionsunternehmen Opel Hetzer war bis vor ein paar Jahren in der Saldernstraße beheimatet. Doch heute soll es um ein ganz besonderes Stück Automobilgeschichte gehen: Die AVUS Rennstrecke in Westend.

Die Automobil-,Verkehrs- und Übungs-Straße (AVUS)

Die Planung begann bereits 1909. Wohlhabende Autobesitzer beschlossen damals eine „.“ zu errichten. Heute kennt man diese meist nur noch unter ihrem gekürzten Namen AVUS.

Entlang der Wetzlaer Bahn von Charlottenburg in Richtung Nikolassee begannen die Bauarbeiten für dieses visionäre Projekt 1913, konnten aber erst nach Ende des 1. Weltkrieges abgeschlossen werden. Feierlich wurde die insgesamt 19 Kilometer lange AVUS-Rundstrecke 1921 mit einem Autorennen eröffnet.

Fanden keine Rennen statt, so wurde die 9 km lange, gerade Strecke, die in zwei Schleifen endete, als Privatstraße genutzt.  Für die Nutzung zahlte manch einer gerne den hohen Preis von 10 Mark um auf der schnelleren Strecke nach Wannsee zu fahren. Dafür konnte man auf einer wesentlich besseren Straße fahren und vermied Verkehrsstockungen durch Pferdefuhrwerke.

Als eine der ersten Straßen überhaupt wurde sie mit einer Deckschicht aus Asphalt versehen. Auch sonst trugen die Rennen und die tägliche Nutzung als Privatstraße zu zahlreichen Entwicklungen im Straßenbau bei.

Bald schon wurde die AVUS als Austragungsort des Motorsports  über die Grenzen Berlins hinaus bekannt. Erstmals 1926 wurde hier der Große Preis von Deutschland für Automobile ausgetragen.

Bis zu 300.000 Menschen zogen die Rennen an – Geschwindigkeitsrekorde und die ständige Unfallgefahr lockten die Besucher. Allein der Innenraum der Nordkurve fasste etwa 50.000 Zuschauer.

Auf der AVUS wurde Geschichte geschrieben. Beispielsweise zündete hier Fritz von Opel seinen „Raketenwagen“ RAK2 und erreichte 1928 eine Rekordgeschwindigkeit von 238 km/h. Rasant ging es auch weiter. So rasten hier die umjubelten Silberpfeile von Mercedes-Benz  1934-1937 von Sieg zu Sieg – Spitzengeschwindigkeit von knapp 400 km/h inklusive.

Die Begeisterung für den Rennsport wusste auch der Nationalsozialismus zu nutzen. Als Propagandainstrument wurde die AVUS zum Symbol der Freiheit und Massenmobilität. Mit der Errichtung einer 18 Meter breiten, fast 43 Grad steilen Nordkurve  wurde die AVUS 1937 zur schnellsten Rennstrecke der Welt. Ein Titel, den sie fast 20 Jahre lang behalten sollte und sie zur Legende werden ließ.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Renngeschehen nur langsam wieder aufgenommen. Das erste Rennen konnte 1951 wieder auf der Traditionstrecke stattfinden. 1959 war die AVUS sogar Austragungsort des Großen Preis von Deutschland der Formel 1.

Doch war die AVUS nicht nur für ihre Geschwindigkeit bekannt. Kläglichen Ruhm erzielte die AVUS zudem als „Killerstrecke“. Nicht nur die  überhöhte Nordkurve ließ so manchen Wagen ausbrechen. Zahlreiche Rennsportler ließen auf der tückischen Piste ihr Leben. Um die Sicherheit zu erhöhen wurde die Nordkurve schließlich 1967 abgetragen. Doch immer wieder schlidderten Rennwagen in brenzlige Situationen.

„Eher unter Comedy fiel der Massenunfall der DTM 1995, als die übliche Startkarambolage den halben Fahrzeugbestand in Sekunden in Trümmer legte und selbst die Werksteams nicht mehr wussten, wo sie jetzt neue Rennautos herbekommen sollten.“ (einestages)

In den 1980er Jahren war die AVUS-Strecke bei Westberlinern vor allem dadurch beliebt, dass man auf ihr keinem Geschwindigkeits-Limit unterlag. Nach langem Durchqueren der Transitstrecke konnte man auf der AVUS wieder aufs Gaspedal drücken. Doch als eine der wenigen Zufahrten zum Transitverkehr erhöhte sich das Verkehrsaufkommen im Laufe der Jahre massiv und es kam immer wieder zu Staus. Mit Mauerfall stieg das Verkehrsaufgebot nochmals massiv an.

Entsprechend wurden die notwendigen Sperrungen zur Aufrechterhaltung des Rennbetrieb zum Politikum. Schließlich war die AVUS auch als Rennstrecke schon lange veraltet.Nach einem letzten DTM-Rennen wurde die historische Rennstrecke daher 1998 aufgegeben und wird seitdem dauerhaft als Teil der Bundesautobahn genutzt.

AVUS-Tribüne

Noch heute steht die Tribüne, welche 1936 erbaut wurde zwischen AVUS und Messedamm. Sie ist 200 Meter lang und bot Platz für rund 4000 Zuschauer. Am Ausgang der ehemaligen Nordkurve erzählt sie, im Verfall begriffen, von den ruhmreichen Zeiten des Rennsports in Berlin. Entsprechend attraktiv ist sie bei Urban Explorern.

Während ich mich nicht auf das abgesperrte Gelände getraut habe und daher nur Fotos von der eigentlichen Tribüne beim Vorbeifahren machen lassen konnte, könnt ihr in diesem 9-minütigen Video erleben, wie die Tribüne heute aussieht:

Video: Verlassene Orte Teil 43 – AVUS Tribüne veröffentlicht 22.07.2010 als Urban Exploration by preludebb

Mercedeshaus

Der runde Turmbau mit vier umlaufenden Galerien wurde 1935-37 zur Rennbeobachtung errichtet. Durch seine Lage am nördlichen Scheitelpunkt der Rennstrecke konnte man von hier aus nicht nur die kritischsten Rennszenen perfekt beobachten, das Gebäude diente zudem als Zielrichterturm. Seit 1977 fungiert das unter Denkmalschutz stehende Mercedeshaus als Autobahn-Raststätte und Motel.

ehemaliger Zielrichterturm - heute AVUS-Motel

Mercedeshaus / ehemaliger Zielrichterturm / heute AVUS-Motel

AVUS heute

Heute ist die AVUS ein Teil der Bundesautobahn A115. Streckenrekorde werden hier schon lange nicht mehr erzielt. Die Geschwindigkeitsbegrenzung liegt bis zur Abfahrt Schlachtensee bei 100 km/h, an der AVUS-Tribüne rauscht man sogar mit 80 km/h vorbei, um die Anwohner nicht unnötig mit Motorenlärm zu belasten.

Neben der Zuschauertribüne und dem Mercedeshaus zeugt nur noch eine Granitsäule des ehemaligen Zuschauereingangs nebst Gedenkplakette von den ruhmreichen Rennzeiten der AVUS.

Gleich nebenan an der Auffahrt am Messedamm Ecke Halenseestraße wurden 1989 zwei Motorradplastiken aufgestellt, die an die Renngeschichte in Westend erinnern sollen. Die in der Bildgießerei Noack nachgegossene Skulptur von Max Esser zeigt die Rennfahrer Ernst Henne und Ewald Kluge, wie sie auf der schrägen Rennpiste mit ihren Motorrädern entlang rasen.

Webschmankerl & Bücherkiste

 

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Ein Kommentar

  1. Echt witzig die Avus Tribune so mitten in der Urbanen Gegend zu sehen. Vorne ein Objekt ohne Bezug zur Straße (da hier nur der normale Verkehr vorbei rollt); dahinter gleicht sie eher einer Unterführung für Fußgänger…

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