Sportlich und organisch: Die Carl-Schuhmann-Halle

Läuft man die Schloßstraße zum Schloss Charlottenburg entlang, so fällt einem zwischen all den Altbauten ein sehr markantes moderneres Gebäude auf der rechten Seite auf. Doch auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, als ob es sich um ein modernes Wohnhaus handelt, so kann man nicht besser getäuscht werden. Denn das Gebäude mit seinen unorthodoxen Formen aus Stahl und Glas versteckt in ihrem Inneren eine Sporthalle.

Zu etwas Besonderem wird diese Sporthalle gleich in drei Punkten. Architektonisch ist sie ein wunderbares Beispiel der Baller-Architektur. Als Sporthalle ist sie nicht alltäglich, da sie mehrgeschossig ist. Und dann wäre da noch ihr Name, der an einen Sportstar erinnert, der heute fast in Vergessenheit geraten ist.

Baller-Architektur

Die Carl-Schuhmann-Halle sollte in die Bauflucht fünfgeschossiger Mietshäuser optimal eingepasst werden und verfügt sogar auf Straßenniveau über einen Parkplatz.

Die zum Teil gesprossten Felder in der vollständig verglasten Außenhaut des Gebäudes mit ihren Stützpfeilern und die gaupenähnlichen Zwerchgiebel am Tonnendach mit Kupferdeckung  sollen das moderne Gebäude in die restliche Straßenbebauung integrieren und ist als Reminiszenz an die vor Ort befindlichen Wohnbauten von Hinrich Baller konzipiert worden.

Die zwei übereinander angeordneten Turnhallen wurden 1987/88 von Inken und Hinrich Baller auf einem relativ kleinen Grundstück errichtet. Es handelt sich um einen aufgeständerten Stahlbetonbau mit verglaster Fassade im typischen Baller-Stil, in welchem das Ehepaar so einige Gebäude in Berlin in den 1970er und 1980er Jahren gebaut hat.

Der Baller- Stil erinnert in Zügen an den Jugendstil oder die Organische Architektur, stützt sich aber auf moderne Konstruktionselemente, wie Beton, Stahl und Glas. Übrigens gibt es in der Schlossstraße nur ein paar Schritte weiter noch einen Bau des Archtiekten-Paares: In der Schlossstraße 45-47 gibt es noch ein Wohngebäude mit der typischen Baller-Form.

BallerHaus_Schlossstr_Zillestr

Sporthalle auf zwei Ebenen

In der Carl-Schuhmann-Halle befindet sich noch heute eine Großturnhalle von 44 m Länge und 22 m Breite  im ersten Obergeschoss. Im zweiten Obergeschoss ist sogar eine Halle in olympischer Norm untergebracht. Im Alltag lässt sich die 45 Meter lange und 27 Meter breite Halle jedoch auch separieren. So stehen Sportvereinen und Schulen dann drei Hallen zur Verfügung. Die Umkleideräume sind strategisch auf alle drei Etagen verteilt und befinden sich seitlich. Sie können über zwei Treppenhäuser von allen Hallen aus erreicht werden.

Die als Erker der Fassade vorgelagerte Treppe an der Straßenseite, fungiert zudem als unabhängiges Fluchttreppenhaus. An der Rückseite des Gebäudes befinden sich insgesamt vier Geräteräume, die rucksackartig aus der Fassade hervortreten.

Die Doppelhalle gehört offiziell zur dahinter stehenden Oppenheim-Oberschule, wird aber auch von anderen Schulen und nach Schulschluss von verschiedenen Vereinen genutzt. Rechterhand im Vorgarten der Sporthalle befindet sich zudem ein Findling der mit einer passenden Tafel an den Namensgeber Carl Schuhmann und die Leistungen dieses namhaften Sportlers gedenken soll.

Gedenkstein_Sporthalle

Habt ihr genauso wenig von diesem Sportler gehört wie ich? Nun seine Vita liest sich ziemlich spannend!

Sportlegende Carl Schuhmann

Benannt wurde die Sporthalle in der Altstadt Charlottenburg nach dem Goldschmied und Sportler Carl Schuhmann. Schuhmann, 1869 in Münster geboren beginnt in Köln eine Lehre als Goldschmied. Dort schliesst er sich erstmals dem Allgemeinen Turnverein an. Er kommt zu Erfolgen bei nationalen Turnfesten und siegt 1889 erstmals im Zwölfkampf beim Gauturnfest in Köln. Auf der Suche nach einer Anstellung zieht es ihn dann aber nach Berlin. Den Turnsport betreibt er auch dort.

Bei den ersten modernen Olympischen Spielen 1896 gehört er dann zur deutschen Mannschaft. Seine Leistungen sind dabei sehr beachtlich. Denn bei Olympia 1896 holt er Gold im Pferdsprung, am Reck, am Barren und im Ringkampf. Hinzu kam noch Bronze im Gewichtheben. Außerdem tritt er in der Leichtathletik an, kann dort aber keine Medaille erringen. Dass er schließlich im Weitsprung mit 5,70 Meter den sechsten Platz belegt, erfährt er erst, als die Mannschaft wieder heimgekehrt istr.

Damit war Carl Schuhmann nicht nur ein vielseitiger Athlet und ein wahrer „Goldhamster“, sondern auch erster deutscher Olympiasieger.

Besonders spannend muss sein Ringkampf gewesen sein. Denn damals wurde diese Disziplin noch ohne Gewichtseinteilung absolviert. Der gerade einmal 1,63 Meter große und 65 Kilogramm schwere Athlet legte seine Kontrahenten im Ringen reihenweise auf die Matte legte. Geradezu spektakulär war dabei das Finale, in welchem er den wesentlich größeren und schwereren Griechen Georgios Tsitas besiegte. Denn dieser Kampf dauerte insgesamt 65 Minuten und musste durch Anbruch der Nacht unterbrochen werden. Gut ausgeruht wurde der Kampf am nächsten Tag weitergeführt und Schuhmann besiegte Tsitas dann innerhalb einer Stunde.

Sie sind jetzt der populärste Mann in Griechenland. Sie sind populärer als ich.“ Gratulation von Griechenlands König Georg I. an Carl Schuhmann (Sportliche Legenden)

1899 war Schuhmann als Leiter der „German Gymnastic Society“ in London. Auch in Deutschland nahm er noch an vielen Wettkämpfen teil. 1903 findet man seinen Namen unter den Teilnehmern des Deutschen Turnfestes in Nürnberg, als er mit 34 Jahren noch immer aktiv am Turnsport beteiligt ist.

Danach bleibt er weiterhin dem Turnsport treu, ist als Turnlehrer und Sportfunktionär tätig. 1919 lässt er sich endgültig in Berlin nieder und eröffnet 1925 sein eigenes Juweliergeschäft mit angeschlossener Gold- und Silberschmiede am Stuttgarter Platz. Bald darauf zieht das Geschäft an die Wilmersdorfer Straße um. Als das Geschäft durch Fliegerbomben in Schutt und Asche gelegt ist, beginnt er noch einmal komplett von vorne.

Von seiner Popularität und seiner sportlichen Leistung weiß heute kaum noch jemand etwas. Doch die Hall of Fame des Deutschen Sports hat ihn bereits 2008 als einen der ersten 40 Sportler aufgenommen. Heute findet man ihn dort als Symbolbild der Turnbewegung.

Und in Charlottenburg ehrt ihn die vorgestellte Sporthalle als ihren Namensgeber.

Vielleicht wird dadurch der ein oder andere ebenso wie ich angeregt, sich über diesen Sportler etwas genauer zu informieren. Dann erfährt man auch, dass es in der Kantstraße  noch immer ein Juwelier-Geschäft namens Carl Schuhmann gibt. Dieses wird inzwischen vom Ur-Enkel des Olympiasiegers betrieben, der genauso Carl Schuhmann heißt wie sein Vater und sein Großvater.

Lage der Carl-Schuhmann-Halle

Die Carl-Schuhmann-Halle befindet sich in der Schloßstraße 56 Ecke Otto-Grüneberg-Weg.

 

Webschmankerl & Bücherkiste

Berliner Bezirkslexikon, Charlottenburg-Wilmersdorf (2005): Carl-Schuhmann-Halle bei Luise-berlin.

Bezirksamt Charlottenburg-Wiolmersdorf: Carl-Schuhmann-Hallen in: Verwaltung.

Biographie Carl Schuhmanns in der Hall of Fame des Deutschen Sports.

Volker Kluge (1997): Olympische Sommerspiele. Die Chronik Teil 1. Athen 1896 – Berlin 1936.

Karl Adolf Scherer (1995): 100 Jahre Olympische Spiele.

Michael Schulte (9.08.2012): Sportliche Legenden. Münsters erfolgreichste Olympioniken. in: Westfälische Nachrichten.

La Belle Epoque: „Wenn es krumm ist, ist es Baller!“. Zwischen Gaudí und Hundertwasser: Der zeitgenössische Architekt Hinrich Baller.

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