Vergangen aber unvergessen: Notaufnahmelager Kuno-Fischer-Straße

Zwischen 1945 und 1961 flohen ca 2,75 Millionen Menschen aus der SBZ/DDR in die Bundesrepublik. Als Reaktion auf diese Fluchtbewegung wurde 1950 das Notaufnahmegesetz geschaffen, welches die wirtschaftlichen und sozialen Belastungen durch die Zuwanderer in Grenzen halten und zugleich in der DDR politisch Gefährdeten Zuflucht bieten sollte. Die Flüchtlingslager waren provisorische, schnell und kostengünstig errichtete Massenunterkünfte, oftmals Fabrikgebäude und Lagerhallen. An dieser deutschen Geschichte beteiligt war auch ein Gebäude im Witzlebenkiez, welches von 1950 bis 1953 als Notaufnahmelager für DDR-Flüchtlinge diente.

Als die DDR ab 1952 die innerdeutsche Grenze abzuriegeln begann, wurde Berlin zum Nadelöhr des Flüchtlingsstroms. Im März 1953 wuchs die Zahl der Flüchtlinge auf einen Höchststand von fast 60.000 an. Davon kamen allein in Berlin 49.000 Zuwanderer an.

Leger_DieLetzteBrücke_1958

Diese Größenordnung der Zuwanderung sprengte alle Vorstellungen. Die Aufnahmestellen in Charlottenburg waren überfüllt, die Wartenden verstopften die Kuno-Fischer-Straße, wo sich bis August 1953 die Berliner Notaufnahmestelle für DDR-Flüchtlinge befand. Die Menschen mussten während und nach Durchlaufen ihres Aufnahmeverfahrens in Kriegsruinen untergebracht werden. Abhilfe war dringend erforderlich und wurde mit der Errichtung eines Notaufnahmelagers in Marienfelde Rechnung getragen, in welchem anfangs 2000 Menschen auf einmal Platz fanden. Erst durch Mauerbau am 13. August 1961 sank die Zahl der Ankommenden rapide um 90 Prozent.

„Nach der Auflösung der letzten sowjetischen Speziallager Sachsenhausen, Buchenwald und Bautzen stieg die Zahl der Flüchtlinge aus der DDR sprunghaft an. Zu ihrer Betreuung wurde am 18.1.1950 die Notaufnahmestelle eröffnet.“ (Über den Bezirk)

Laut Allen wurde in der Kuno-Fischer-Straße  bereits im Januar 1949  eine „Flüchtlingsfürsorgestelle“ eröffnet. Der dortige Flüchtlingsdienst trug dem Umstand Rechnung, dass im Gefolge der Währungsreform und Berlin-Blockade ab Ende 1948 immer mehr Menschen aus der SBZ um Aufnahme in West-Berlin ersuchten. Nach Übereinkunft mit dem britischen Verbindungsoffizier Oberst White im September 1949 wurden die Briten und Amerikaner aus den Diensträumen des Flüchtlingsdienstes in der Kuno-Fischer-Straße abgezogen. Von nun an erfolgte eine obligatorische Überprüfung der meisten Flüchtlinge durch britische und amerikanische Sicherheitsbehörden in getrennten Räumlichkeiten im Charlottenburger Ortsteil Westend. Im „Anglo-American Interrogation Centre“ am Karolingerplatz 8 wurden die Flüchtlinge nun ob ihres politischen HIntergrundes befragt.

In den 3 Jahren ihres Bestehens durchliefen etwa 300.000 Flüchtlinge die Notaufnahmestelle im Gebäude der Kuno-Fischer-Straße 8 am Lietzensee. Mit wachsenden Flüchtlingszahlen reichte diese nicht mehr aus, weshalb der Berliner Senat an der Marienfelder Allee 62-80 ein Notaufnahmelager in Form einer Wohnsiedlung errichtete.

Kuno-Fischer-Straße 8

Beim Gebäude der Kuno-Fischer-Straße 8 handelt es sich um einen 1929/30 von Rudolf Hartmann errichteten Klinkerbau am Ufer des Lietzensees. Damals diente er als Verwaltungsgebäude der Knappschafts-Berufsgenossenschaft, welche 1885 gegründet worden war und zur größten Berufsgenossenschaft in Deutschland wurde. Noch heute zieren Arbeitsszenen des Bergbaus den Eingangsbereich.

Kuno-Fischer-Straße 8

Von 1950 bis 1953 wurde das Haus als Notaufnahmelager für Flüchtlinge der DDR genutzt. Nach dem Umzug des Notaufnahmelagers nach Marienfelde zogen verschiedene Behörden und Dienststellen in das Gebäude. Darunter die Berliner Polizei. In den 1990er Jahren stand das Gebäude jahrelang leer, bis es 2000 komplett saniert wurde und 2001 als Medienhaus wieder eröffnet wurde. Heute befinden sich verschiedene Film- und Fernsehfirmen im Gebäude, sowie die Deutsche Krebsgesellschaft e.V. Noch immer ist das Gebäude dank seiner wunderschönen Gartenanlage direkt am Ufer des Lietzensees einen Besuch wert.

Blick auf das Haus Kuno-Fischer-Straße 8, im Vordergrund Bronze: Sandalenbinder, Fritz Röll (1909)

Blick auf das Haus Kuno-Fischer-Straße 8

Eine von Bildhauer Reinhard Jacob gestaltete Gedenktafel wurde 2007 am Eingangsbereich enthüllt, die heute über die Rolle dieses Gebäudes während der Fluchtbewegung Anfang der 1950er Jahre erinnert.

Gedenktafel an die Notaufnahmestelle für Flüchtlinge aus der DDR an der Kuno-Fischer-Str. 8

Gedenktafel an die Notaufnahmestelle für Flüchtlinge aus der DDR an der Kuno-Fischer-Str. 8

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