1968 Stuttgarter Platz: Wohngemeinschaft als Politikum

Viel zeigt das heutige Vorschaubild einem nicht. Doch sieht man darauf den Wegbereiter der heute so beliebten WGs. Denn in dem unauffälligen Gebäude mit der gelben Fassade zieht 1968 eine Interessengemeinschaft zusammen, die durch ihren ungewöhnlichen Lebensstil ebenso bekannt werden sollte, wie durch ihre politischen Protestaktionen und die Enttabuisierung der Sexualität.

Sinnbild der 1968er – gemeinsames freies Zusammenleben

Während eines gemeinsamen Urlaubs in Kochel entsteht unter Mitgliedern des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes die Idee einer Wohngemeinschaft im Sinne der Pariser Kommune. In der Wohnung von Hans Magnus Enzensberger in der Fregestraße 19 in Berlin wird diese Idee Anfang 1967 umgesetzt. Hier nimmt die politisch motivierte Wohngemeinschaft, welche als Kommune I in ganz Deutschland bekannt werden soll ihren Anfang.

Das Experiment startet mit fünf Männern, drei Frauen und einem Kind. Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel, Ulrich Enzensberger, Volker Gebbert, Dagrun Enzensberger, Tanquil Enzensberger, Dorothea Ridder und Dagmar Seehuber. Die Kommunarden stehen für Provokation gegen all jene Normen und Werte, die der Generation ihrer Eltern wichtig waren: Ordnung, Gehorsam und gepflegte Bürgerlichkeit. Ihr alternativer Lebensstil soll eine Abrechnung mit der Kriegsgeneration darstellen. Der Aggressivität der Tätergeneration setzen sie das Motto »Love, Peace and Happiness« entgegen. Ihr Selbstversuch soll zeigen, dass ein friedliches Miteinander aller mit allen möglich ist.

„Es sollte als Form des Zusammenwohnens und Zusammenarbeitens, des sich gegenseitigen Helfens in allen Lebenslagen die adäquate Alternative zur Kleinfamilienexistenz beziehungsweise zum isolierten und von allen politischen Zusammenhängen abgesonderten Leben in zellenartigen engen Studentenbuden darstellen“ (Dieter Kunzelmann: Leisten Sie keinen Widerstand)

Bald darauf zieht man nach Friedenau. Bekannt werden die Kommunarden anfangs vor allem für ihre provozierenden und schockierenden Aktionen mit welchen sie Polizei und Staat der Lächerlichkeit preisgeben. Doch nach dem vereitelten „Pudding-Attentat“ auf den amerikanischen Vice President Hubert H. Humphrey fordert Uwe Johnson, welcher bis dahin seine Wohnung in der Niedstraße 14  der Kommune I zur Verfügung gestellt hat, deren Auszug. Von Nachbar Günter Grass beaufsichtigt ziehen die WG-Mitglieder aus…und finden in Charlottenburg ihren 3. und längsten WG-Standort. Ihre neue gemeinsame Wohnung am Stuttgarter Platz kostet 750 Mark und liegt im dritten Stock. Der Rest des Hauses wird von den Animierdamen des Nachtclubs aus dem Erdgeschoss als Bordell genutzt.

WG-Leben am Stuttgarter Platz

Die Sechseinhalb-Zimmer-Wohnung in der Kaiser-Friedrich-Straße 54a soll nun zum Ausgangspunkt des Protests gegen tradiertes Familienleben und die autoritäre Gesellschaft werden. Hier gibt es kein persönliches Eigentum, jeder stellt sein Geld allen zur Verfügung. Aus einer gemeinsamen Kasse kann sich jeder nehmen, was er braucht. In der Wohnung bleiben alle Türen stets offen, jeder erzählt in so genannten Psychodiskussionen alles über sich, immer die ungeschminkte Wahrheit. Hier in der Kaiser-Friedrich-Straße 54a entsteht im Juni 1967 auch das berühmte Nacktfoto von Thomas Hesterberg, welches die rebellische Studentenkommune  noch heute im kollektiven Unterbewusstsein der Nation fest verankert hat. Freizügigkeit bestimmt auch die Sexualität, jeder soll Sex haben, mit wem er will…jedenfalls theoretisch. Damals entsteht der Ausspruch

„Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“

Hier treten auch Rainer Langhans und das Foto-Modell Uschi Obermeier der Kommune bei und wandeln das Bild von K1. Die politischen Aktionen treten mehr und mehr in den Hintergrund. Vielmehr wird nun die von der Kommune propagierte Lebensform in ganz Deutschland diskutiert. Auf das immer größer werdende Medieninteresse reagierten die Mitglieder der Kommune prompt: Über die Eingangstür ihrer Wohnung in der Kaiser-Friedrich-Straße hängten sie ein Schild mit der Aufschrift: „Erst blechen, dann reden“.

Die Kommune I wird zur populärsten Wohngemeinschaft in Deutschland und ihre Kommunarden zu Ikonen der Freien Liebe. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Erst im Spätsommer 1968 wird die Wohnung in der Kaiser-Friedrich-Straße zu klein. Am 1. August 1968 zieht die Kommune l in die leerstehende Filzfabrik in der Moabiter Stephansstraße 60. Die Fabriketage bietet genügend Raum um alle in einem großen Raum leben zu lassen. Doch inzwischen steht nicht mehr Politik an erster Stelle. Sex, Musik und Drogen stehen an der Tagesordnung.

“Sie trugen lange Haare, hörten Rockmusik, rauchten Haschisch und Marihuana, forderten freien Sex. Die Männer und Frauen der Kommune l waren eine Provokation für die deutsche Nachkriegsgesellschaft und Protestidole für die Angehörigen ihrer Generation. Sie wollten nicht mehr und nicht weniger als die Revolution in Deutschland, auch wenn unklar blieb, wie die »Gesellschaftliche Umwälzung« denn genau auszusehen hätte.“ (Schauplätze Berliner Geschichte, S. 129-132)

Das Ende?

Als die Wohnung im November von Rockern verwüstet wird, löst sich die Kommune I nach rund 22 Monaten alternativen Zusammenlebens offiziell auf. Doch die neue Art des Zusammenlebens nehmen sich viele zum Vorbild: Überall in Deutschland entstehen Wohngemeinschaften als moderne Lebensform.  

Heute ist das Zusammenleben mit anderen nicht nur unter Studenten weit verbreitet, sondern auch ältere Menschen, die nicht allein sein wollen leben zunehmend in Senioren-WGs.

Während die letzte Wohnung, welche die Kommune I in Moabit bezog heute recht bekannt ist und als historisches Apartment an Touristen vermietet wird, deutet am Stuttgarter Platz nichts auf die bewegenden Geschichten, die sich hier abgespielt haben. Die ehemalige Wohnung der Kommune l  in der Kaiser-Friedrich-Straße 54a ist inzwischen zweigeteilt worden. Die eine wird als Privatwohnung von einem älteren Ehepaar, die andere als Tonstudio genutzt. (Kiezspaziergang 2004)

Bücherkiste & Webschmankerl

 

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