Volkshotel statt Schlafburschen – Das Charlottenburger Ledigenheim

Immer wieder führen mich meine Streifzüge durch die Danckelmannstraße. Ganz besonders auffällig ist das Gebäude mit der Hausnummer 46-47. Dieses um 1907 erbaute und 1908 eröffnete Gebäude des Architekten und Stadtbaurates Rudolf Walter beherbergte ein sogenanntes Ledigenheim.

Funktion eines Ledigenheimes

Um 1900 wurden in jeder zehnten Berliner Wohnung Betten an Schlafburschen vermietet. Allein in Charlottenburg gab es zu dieser Zeit rund 8000 Schlafburschen, meist jüngere Arbeiter, die wegen der immensen Wohnungsnot und ihres geringen Einkommens nur Bettstellen als Übernachtungsmöglichkeit anmieten konnten. Ihnen wurde vorgeworfen nicht nur durch Auseinandersetzungen das häusliche Leben zu stören. Die unverheirateten Burschen standen auch im Verdacht die Ehefrauen und ledigen Mädchen der ihnen einen Schlafplatz bietenden Haushalte zu verführen.

Die Errichtung eines Ledigenheimes, in welchem die Burschen einen Schlafplatz finden sollten, war ein Versuch diesen beklagten Missstand zu beheben.

In erster Linie sollte das „Unterkunftshaus für unverheiratete junge Männer, die sonst auf Schlafstellen angewiesen sind“ dienen. Damit wurde 1908 erstmals ein Versuch unternommen gegen die üblichen Schlafstellen vorzugehen. Denn in den Mietskasernen fanden die sogenannten Schlafburschen kein Zimmer, sondern nur schichtweise einen Schlafplatz für mehrere Stunden.

Dabei hatte das Charlottenburger Ledigenheim wahren Modellcharakter. Schließlich öffnete hier am 1. April 1908 das erste deutsche Arbeiterwohnheim. Entsprechend stolz prangt der Name „Ledigenheim“ noch heute an der Fassade. Das Gebäude in der Danckelmannstraße sollte einen Wendepunkt in der Wohnungsverwaltung einläuten.

Das Volkshotel

Ledigenheim_altePostkarte

Ansichtskarte des Ledigenheims Danckelmannstraße 48 bei zeno.org

Träger des Heims war keine Wohlfahrtsinstitution, sondern die 1905 gegründete “Volkshotel AG Ledigenheim”, von deren 41 Aktionären mehr als die Hälfte dem Charlottenburger Magistrat bzw. der Stadtverordnetenversammlung angehörten. Mit einem Aktienkapital von 80.000 Mark erwarb die Aktiengesellschaft das Gelände in der Danckelmannstraße von der Stadt Charlottenburg in Erbbaupacht.

„Das Charlottenburger Ledigenheim ist ein >Hotel< für ledige Männer aus den minderbemittelten Volksschichten, für Arbeiter aller Art, Handwerker, kleine Kaufleute, Techniker und ähnliche mehr, die bisher als Schlafsteller ein Unterkommen gefunden haben.“ (Oberbürgermeister Schustehrus)

Es war auf seinem Gebiet eines der fortschrittlichsten sozialen Projekte seiner Zeit.

Wie modern das Ledigenheim war, zeigt sich an der verwendeten Technik. Zwar fehlten nach wie vor typisch für die Zeit die Toiletten, doch bot das Gebäude durch eine Dampfheizung und elektrische Beleuchtung in jedem Zimmer über einigen Komfort.

Darüber hinaus versorgte das Ledigenheim seine Bewohner mit einem umfassenden Service, der zu seiner Attraktivität maßgeblich beitrug. Eine bessere Lebensqualität als die Schlafstätten fanden die Mieter allemal. Hier musste man sich nicht mehr das Bett im Schichtbetrieb teilen. Die Mieter erhielten eigene Zimmer.  Eine Volksbücherei, eine Volksbadeanstalt und eine Volksspeisehalle gewährleisteten geistige und körperliche Nahrung und eine weitaus bessere Hygiene. Ein Wasch- und Portierservice rundete das Angebot ab. Angegliedert waren auch drei Geschäfte, darunter ein Tabakwarenladen, die neben den Mieteinnahmen die Finanzierung der Einrichtung mit großem Erfolg gewährleisteten. Denn die integrierten Volksräumlichkeiten standen auch den restlichen Kiezbewohnern zur Verfügung.

Das große Restaurationslokal sollte gutes Essen zu günstigen Preisen anbieten. Speisen ohne Trinkzwang stand im Vordergrund. Dank eines sonnigen Dachgartens reizte das Speiseetablissement auch Anwohner aus den umliegenden Mietskasernen zum Besuch im Sommer. Die Speisen wurden dabei ganz modern in einem speziellen Aufzug nach oben gebracht.

Auch der Lesestoff in der Volksbücherei wurde nicht nur von Mietern im Lesesaal genutzt. Dabei gelang der Aktiengesellschaft ein besonderer finanzieller Coup: Die Volksbücherei wurde nämlich von der Stadt Charlottenburg zur Verfügung gestellt, welche dafür die Räumlichkeit wieder von der Aktiengesellschaft anmietete.

Bis zu ihrer Aufgabe in den 1970er Jahren wurde auch die Volksbadeanstalt im Erdgeschoss  von der Nachbarschaft stark frequentiert.

„Es ist also alles getan, um den ledigen männlichen Personen, die dort mieten, einigermaßen Ersatz für die mangelnde Häuslichkeit zu schaffen.“ (Max Laux)

370 Bewohner fanden im Ledigenheim Platz. Nach der Eröffnung waren innerhalb eines halben Jahres alle Zimmer vermietet. Jedes Einzelzimmer bot sechs Quadratmeter, für welches eine monatliche Miete von 10 Mark entrichtet wurde.

Trotz der positiven Resonanz schuf das Volkshotel nach englischem Vorbild  die Schlafstellen nicht ab. Die eigentliche Zielgruppe – die jungen, ledigen Arbeiter vom Lande – suchten sich weiterhin billigere Unterkunft in Arbeiterhaushalten. Stattdessen bezogen vorwiegend gelernte Arbeiter, Angestellte und Handwerker mit solidem Einkommen die Zimmer. Die damit einher gehende soziale Zusammensetzung der Bewohner verlieh dem Ledigenheim einen guten Ruf in der Nachbarschaft und wurde von der Stadt Charlottenburg als Projekterfolg gewertet.

Spitzname „Bullenkloster“

Mit seinem reichen Angebot wurden im Volkshotel fast alle Bedürfnisse der ledigen Arbeiter gestillt. Nur in einem Punkt waren die Betreiber strikt: Den jungen unverheirateten Männern war Damenbesuch ausdrücklich untersagt. Ein Portier sorgte Tag und Nacht für die Einhaltung der Sittenregel.

Bewusstseins- und Nutzungswandel

Zunächst waren die Junggesellenhäuser eine Reaktion auf ökonomisch prekäre Verhältnisse und gesellschaftliche Normen. Im Laufe der Zeit wandelte sich jedoch das Bewusstsein.  Der “Mann mit dem Koffer” (Ludwig Hilberseimer) wurde zum Idealbild der 1920er Jahre. Entsprechend wurde die Institution des Ledigenwohnheimes zum Ideal einer Avantgarde, die den großstädtischen Intellektuellen als neue Lebensform propagierte. Hier fand der großstädtische, nomadenhaft von Ort zu Ort ziehenden Mensch, der losgelöst von materiellem Ballast, familiärer und nationaler Bindung ein modernes Leben führt, seine Unterkunft.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg war das Ledigenheim wegen der kriegsbedingten Wohnungsnot voll besetzt, galt aber als ausgesprochene Notunterkunft, in welcher sich aber weiterhin Mieter und eine Warmbadeanstalt und eine Altentagesstätte befanden. Aufgrund der sich bessernden Wohnungssituation  standen Ende der 1960er Jahre  immer mehr Zimmer leer, so dass sich die Aktiengesellschaft 1971 auflöste und das Ledigenheim an die Gewobag verkaufte. Diese wiederum schloss das Haus und baute es um, wobei sie die Außenfassade  aus Kalksandstein mit gelben Klinkern originalgetreu sanierte und die im Laufe der Zeit zerstörten Details liebevoll rekonstruierte.

Neben der Sanierung erfolgte selbstverständlich auch eine Modernisierung. Jeweils zwei Zimmer wurden zusammengelegt und die so entstandenen neuen Räume mit sanitären Einrichtungen ausgestattet.

Mit der Wiedereröffnung 1979 fand das Ledigenwohnheim seine heutige Nutzung als Studentenwohnheim. Im denkmalgeschützten Gebäude bietet seitdem das Studentenwerk Platz für 154 Studenten – beiderlei Geschlechts.

Studentenwerk Danckelmannstraße 46/47

Das Ledigenheim wird heute als Wohnheim des Studentenwerkes genutzt

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